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Auch Manager haben hin und wieder Zeit, Romane zu lesen. Unterhaltsames aus der Welt des Managements. |
Dieses Buch ist ein absolutes Muss für jeden, der sich mit Systemtheorie, systemischen Management, Kybernetik, aber auch mit weiteren (Sozial-) Wissenschaften beschäftigt: Es stellt quasi das Vermächtnis von Heinz von Foerster dar, das er im Alter von 90 Jahren, kurz vor seinem Tod, zusammen mit Monika Bröcker dialogisch realisierte. Wer jenseits sonstiger schlauer Bücher über Systemisches diese Denkhaltung besser verstehen möchte, wird mit diesem Buch aus der (auto-) biografischen Perspektive reich beschert.
"Teil der Welt" bezeichnet die Grundhaltung. Es gibt für den Systemiker keinen archimedischen Punkt außerhalb der Welt; die Schlüssellochperspektive des objektiven Wissenschaftlers bleibt für ihn eine Illusion. Daher ist auch das Fraktal, das selbstähnliche Muster, für ihn Konzept (und so ist auch das Buch aufgebaut). Wie andere Systemtheoretiker auch, stellt von Foerster damit unser "normales" Weltbild (im Bilde gesprochen) vom Kopf auf die Füße und behauptet, die Erde drehe sich um die Sonne.
Dass wir immer noch sagen, die Sonne geht auf, liegt für ihn am laxen Umgang mit der Sprache, daran dass wir nämlich in semantische Fallen tappen, Dinge endgültig entscheiden wollten, die unentscheidbar seien. Die Unentscheidbarkeit eröffnet ihm allerdings auch den Raum der Freiheit. Deshalb lehnt er auch die Gleichsetzung von Ethik und Moral ab. Moral schreibe vor und schließe Freiheit damit aus.
Im ersten Teil geht es im Dialog um diese philosophischen, wissenschaftstheoretischen Fragen. Hier erweist sich von Foerster als belesen und gewitzt. Im zweiten Teil erzählt er sein Leben. Aufgewachsen im Wiener Milieu und illustren Familienkreis - ein Onkel hatte lange in China gelebt und gibt dem Jugendlichen Schopenhauer zu lesen, die unkonventionelle Mutter, die Tante, Grete Wiesenthal, eine Tänzerin et cetera. Von Foerster kommt mit dem - heute legendären - Wiener Kreis in Kontakt, denn ihn fasziniert Mathematik und Physik. Er verschlingt Wittgensteins "Tractatus" und lernt ihn auswendig. Kausalität, so beginnt er zu begreifen, ist Aberglaube. Wir machen uns Bilder von der Welt und halten sie für wahr. Und diese Aussage kehrt er radikalisierend sogar noch um: Wir machen uns eine Welt von einem Bild. Wahrheit, wird von Foerster später sagen, ist die Erfindung eines Lügners.
Heinz von Foerster studiert Physik und geht später zur Siemens AG nach Berlin. Ein Job, der ihn zunehmend langweilt. In Berlin erlebt er das Erstarken des Nationalsozialismus; und mogelt sich - ohne Ariernachweis - durch. Zu Kriegsende geht er zurück nach Österreich und arbeitet bald beim Rundfunk. Nebenbei schreibt er ein kleines Büchlein: "Das Gedächtnis. Eine quantenphysikalische Untersuchung". Viktor Frankl, einer der großen psychotherapeutischen Nestoren, mit von Foerster befreundet, findet das gut und gewinnt Erwin Schrödinger, den Nobelpreisträger, für ein Vorwort. Das Buch - Jahre später wird er sagen, es sei inhaltlich unhaltbar - eröffnet der Familie von Foerster den Weg in die USA. Dort bekommt er die Möglichkeit zu arbeiten und verkehrt mit allen nur denkbaren wichtigen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts: Margret Mead, Gregory Bateson, John von Neumann, Norbert Wiener, Warren McCulloch, Ivan Illich, Paolo Freire, Stafford Beer, Ross Ashby, Humberto Maturana, George Spencer Brown, Paul Watzlawick... In diesem Melting Pot der 50er-, 60er-, 70er Jahre entsteht sukzessive die Selbstorganisationstheorie. Von Foerster forscht und lehrt am Biological Computer Lab und siedelt nach seiner Pensionierung nach Kalifornien über. Bereits Ende der 70er Jahre entdeckt die Familientherapie die Kybernetik und Heinz von Foerster. Er wird durch Auftritte auf Konferenzen besonders in Europa zunehmend berühmt.
Der dritte Teil des Buchs heißt "Bedeutung". Hier geht es um Taoismus oder um provokante Anekdoten, beispielsweise diese, wie er 1983 auf einer Konferenz in San Francisco das Mantra, das auch heute noch im NLP-Kontext gerne genutzt wird - The map is not the territory (Alfred Korzybski) -, demontierte: "The map is the territory - because we don’t have anything else but a map." Die Stichworte, die hier in Dialogen oder kleinen Monologen ausgebreitet werden, erinnern an die Metaphysik, die von Foerster im ersten Teil seines Buchs erwähnt und erklärt. Dass nämlich diese losen Texte von den mittelalterlichen Scholastikern, die das Werk Aristoteles ordneten, nicht zugeordnet werden konnten und einfach hinter (meta) das Physikkapitel gesteckt wurden. Zirkularität und Selbstbezüglichkeit, aber auch Witz sind solche Stichworte, die seinen grundsätzlichen Stil kennzeichnen.
Ein Buch wie ein Tanz, so schreibt Monika Bröcker in ihrem abschließenden Dankeswort. Ein Tanz, der drei Jahre dauerte und sich um ein 90-jähriges Leben rankte, dessen Wirkungsgeschichte noch lange nicht zu ermessen ist.
Das Buch, dem dankenswerter Weise auch ein Sach- und ein Personenregister spendiert wurde, ist eine reiche Fundgrube für Anfänger wie Fortgeschrittene systemischen Denkens. Es fördert tiefes Verständnis dieser Denkhaltung. Und macht somit auch deutlich, was sich heutzutage so alles mit modischem Geklapper systemisch nennt, aber oftmals nur Produkt von Halb- oder Missverstandenen ist.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Thomas Webers) |
(thw 19.01.2006) |
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