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Führung |
Führungskräfte haben es nicht leicht, sie sitzen immer zwischen den Stühlen. Da ist guter Rat teuer - und in diesen Büchern zu finden. |
Gute Führungskräfte sind vor allem Beziehungsmanager, da kann man Pinnow nur recht geben. Ob "Führen heißt auch lieben", so Pinnow weiter, auf Gegenliebe stößt, da kann man wohl unterschiedlicher Meinung sein. Unterschiedlicher Meinung kann man wohl über sein neuestes Buch sein. In "Führen - worauf es wirklich ankommt" bietet Pinnow dem Leser
eine Reihe von Themen an, von denen ich mir sicher bin, dass es auf die genannten allein nicht ankommt im Alltag einer Führungskraft. Zu welchem Bild und Selbsrtverständniss von Führung und Führungskraft will Pinnow seine Leser (ver-)führen?
Der Autor sagt selbst im Vorwort, dass er nicht den Anspruch habe, ein ultimatives Führungsbuch geschrieben zu haben. Diesen kann wohl keiner erheben, da es den allgemein gültigen Maßstab dafür nicht gibt. Jeder argumentiert aus seiner Werte- und Phantasiewelt. Gleichwohl denke ich, dass die Realität uns einige Themen vorgibt, mit denen wir es in Unternehmen oder im Führungsalltag zu tun haben und deshalb angemessen positioniert beachtet werden sollte.
Das Buch zeichnet sich durch die Aufzählung subjektiv definierter
Führungsthemen und Führungsdeutungen aus, die als "darauf kommt es an" definiert werden. Pinnow bemüht hier im Kern acht bekannte Autoren, von Drucker bis Sprenger, die er in seinem Sinne so interpretiert, dass sein Verständnis von Führung offensichtlich damit beschreibbar wird. Gleichzeitig sagt Pinnow aber (S.14), dass sein Führungsverständnis, verbunden mit dem Begriff "systemisches Führen", einem ganzheitlichen
integrativen Entwurf entspricht. Damit erhebt er schon den Anspruch "Ich weiß, was richtig ist" - so auch permanent direkt und indirekt im Buch zu lesen. Leider gibt Pinnow einer Führungskraft für ihren praktischen Alltag keine Orientierung, was denn nun wirklich systemisches Führen ist, außer
einer Reihe bekannter Themenaspekte des Führens im Spannungsfeld von "es kommt darauf an" (Pinnow nennt es Paradoxie) in der Anwendung vorzulegen.
Hin und wieder bemüht Pinnow auch wissenschaftliche Literatur. Obwohl auch hier unter dem Gesichtspunkt des systemischen Führens ein Bezug oder eine Auseinandersetzung mit dem St. Galler Modell oder dem Münchener oder Wiener eine spannende und vielleicht nützliche Sache gewesen wäre, gelingt es ihm nicht, die dort vertretenen Ansätze stimmig und praktikabel weder in einem strukturellen Konzept von Führen einzubauen
noch dem Leser konzeptionelle Strukturen als Orientierung für praktisches Führen anzubieten. Die Erkenntnisse aus der Leistungsmotivation werden überhaupt nicht angesprochen und aus der Pädagogik (wie fünktioniert Lernen) und aus der Personalentwicklung (wie geht es im Alltag unter
systemischen Anforderungen) auch nicht.
Pinnow schreibt von Führungsaufgaben ohne sie aufzuzählen oder zu beschreiben. Themen wie unterschiedliche Kulturen in Unternehmen oder Zeitmanagement einer Führungskraft oder die Führungskraft als Personalentwickler und - und
- und... kommen gar nicht erst vor. Dass Führungskräfte arbeitsrechtliche, betriebsverfassungsrechtliche und weitere Rechtskenntnisse haben sollten, wird ebenfalls nicht erwähnt.
Im Teil "Systemische Führung" kommen nicht einmal der Markt, die Wettbewerber und die Kunden vor.
Alles bleibt unverbindlich, Vieles bleibt wage, wobei in der
Einzelbetrachtung ein Einzelthema in der Regel nicht strittig sein muss. Es entsteht der Eindruck, dass soziale Kompetenz zum thematischen Primat für Führungskräfte erhoben wird und gleichberechtigte Themen wie Fachwissen, Methodenkompetenz, reflektierte Berufserfahrung "beiläufig" in Nebensätzen
vorkommen.
Was Pinnow anbietet findet man heute qualitativ in jeder ordentlichen Volkshochschule bzw. ist der normale Inhalt von Studenten der Betriebssoziologie bzw. Betriebspsychologie im Schwerpunkt Personal im 6. Semester. Personalentwickler, die heute alle über eine ordentliche Hochschulausbildung
verfügen, können nach einer Berufstätigkeit von einem Jahr "das worauf es ankommt" in aller Regel gleich gut - wenn nicht besser - auflisten.
Der Anspruch an den Autor als Geschäftsführer der Akademie für
Führungskräfte Bad Harzburg/Überlingen muss schon etwas höher sein, damit nicht nur der Eindruck entsteht, Pinnow hat sich selber Rechenschaft gegeben, was er alles weiß, geschweige denn, dass man dieses Buch in die Reihe anderer Selbstdarstellerbücher eingliedern könnte. Außerordentlich unangenehm finde ich es, dass Pinnow eine Reihe von
Instrumenten der systemischen Führung vorstellt, ohne zu erklären, was an diesen Instrumenten denn nun systemisch ist. Höhepunkt in diesem Zusammenhang ist das Instrument Konfliktmanagement wobei unter diesem Titel das altehrwürdige Kritikgespräch ziemlich struktur- und substanzlos dargestellt wird. Qualität eines Buches über Führung und hier insbesondere
über systemische Führung wäre auch, würde der Leser erfahren, was denn keine systemischen Führungsinstrumente sind. Aber auch hier nichts.
Für einen ehemaligen Dozenten der Akademie für Führungskräfte Bad Harzburg (1969-1973) und Geschäftsführer des Akademie für Führungskräfte Bad Harzburg als Manager auf Zeit (1992-1993) - auch für die vielen zufriedenen Teilnehmer in der Vergangenheit - ist es geradezu hochnotpeinlich, dass der Autor als Geschäftsführer diese Akademie mit keinem Wort bzw. einem Zitat oder Literaturhinweis nennt.
Warum verschweigt der Autor also seine eigene Akademie mit 50 jähriger Tradition im Schwerpunkt Führung, die eine Reihe von wichtigen Aspekten der Führung benannt hat und die heute noch gelten wie "innere Kündigung", "Delegation", "Mitarbeitergespräch", "Information als Führungsmittel" und so weiter. (Allein seine Ausführungen zum Thema Delegation wären es wert gewesen, in alten Unterlagen nachzulesen, damit in seinem Buch zu diesem
Thema etwas mehr an Qualität zu lesen wäre). Denn auch in der Akademie gab es Denk- und Vorgehensweisen zum Führen, die heute als "systemisch" bezeichnet würden im Sinne der Ausführungen von Pinnow in seinem Buch. Ich habe den Eindruck, dass das Buch mit "heißer Feder" geschrieben wurde, nur um etwas auf den Markt zu bringen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dr. Rolf Meier) |
(Meier 03.02.2006) |
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