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Organisationsentwicklung |
Organisationen entwickeln sich immer, auch wenn man das nicht aktiv betreibt. Aber manchmal möchte man ja auch eingreifen... |
Wer die sog. NPOs (Nonprofitorganisationen) von außen betrachtet, steht oft kopfschüttelnd davor, um sich dann interessanteren und aufregenderen Dingen zuzuwenden. Wer NPOs von innen kennt, weiß, wie schwerfällig die häufig an den öffentlichen Dienst gekoppelten oder von Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanzierten Organisationen sich in Richtung 21. Jahrhundert bewegen. Mit dem vorliegenden, knapp 400 Seiten eng bedruckten Handbuch wird weitgehend klug, ehrlich und fachlich fundiert der Finger auf die Wunde dieser immer noch oft veralteten Strukturen gelegt und Lösungsansätze angedacht.
Die schlechten Nachrichten zuerst: Manche Beiträge wirken etwas deplatziert. Dies dürfte bei einer Auswahl von insgesamt 18 AutorInnen wohl im Normbereich liegen. Erwähnt sei hier ein Beitrag in englischer Sprache einer deutschen Autorin: Warum wird er nicht in deutscher Sprache veröffentlicht? Die Zielgruppe liegt vermutlich zu 99,85% im deutschsprachigen Publikum!
Oder ein Beitrag zur Genderthematik, der sich inhaltlich nicht mit NPO´s beschäftigt, sondern mit der allgemeinen – und inzwischen kaum noch erwähnenswerten - Erkenntnis, dass Männer im öffentlichen Leben eben immer noch meist das Sagen haben.
Auch etwas negativ fiel der Rezensentin auf, dass nicht einmal 20% der Autoren und Autorinnen einen ausgewiesenen betriebswirtschaftlichen, sondern in erster Linie geisteswissenschaftlichen Hintergrund mitbringen. Dass ökonomisches Know how gerade in diesem Sektor Not tut und meist zu kurz kommt, wird hiermit leider bestätigt.
Nun jedoch zu einer Auswahl der Highlights des Buches:
Im ersten Teil (der zu Recht fast die Hälfte des Buches einnimmt) geht es um "Wissenschaft - Theorie - Analyse":
Vorneweg ein interessanter, wenn auch teils etwas polemisch wirkender Artikel von Herrn Glasl. Er empört sich verständlicherweise über den Werteverfall unserer Gesellschaft, der im Glauben an den neoliberalen Kapitalismus ("Der heute praktizierte materialistische Neo-Liberalismus ist nicht irgendein Wirtschaftskonzept neben vielen, sondern er ist zur herrschenden "Staatsreligion" der reichen Industrieländer geworden." S. 35) zu den wirtschaftlichen Problemen vieler europäischer Länder geführt hat. Der soziale Sektor hat Entsorgungsfunktion übernommen, um so dem gesellschaftlichen Prinzip nach Erfolg und Wachstum zuzuarbeiten. (Dass der soziale Sektor wenig Ansehen genießt und häufig abschätzig betrachtet wird, hat vielleicht mit der Tatsache zu tun, dass hier die unerwünschten "Nebenprodukte" des Wachstums- und Erfolgsglaubens dem Betrachter unmissverständlich vor Augen geführt werden. Anm. der Rezensentin). Sein Plädoyer: Die gesellschaftlichen Sphären nach drei Prinzipien zu gestalten. Dies sind: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Geschwisterlichkeit im Wirtschaftsleben. Diese drei Prinzipien sind in erster Linie in den benannten Bereichen und nicht nach dem Gießkannenprinzip umzusetzen. Lesen Sie selbst wie er dies klug begründet!
Dass die Balance Scorecard aufgrund der kaum eindeutig zu ermittelnden Kennzahlen ein ungeeignetes Mittel der Qualitätsverbesserung darstellt, wird fachlich sauber und durch Beispiele fundiert an anderer Stelle nachgewiesen. Erfolg oder Misserfolg ist hier nicht eindeutig zu definieren und durch die unterschiedlichen Stakeholderansprüche (Finanziers aus dem öffentlichen Bereich, Mitarbeiter, Kunden, Patienten, Klientel, Mitglieder etc.) kaum allgemein festzulegen. An diesem Beispiel wird gut veranschaulicht, dass Ideen und Instrumente aus der Wirtschaft nicht 1:1 in diesen Bereich zu übertragen sind.
Interessant auch der Beitrag zur Situation in der Pflege. Angesichts der zunehmenden älteren Generation sollten bereits heute gerade die, die sich immer noch von der desaströsen Situation im Pflegebereich abwenden, mit Innovation und Mut die notwendige Renovierung in die Hand nehmen. Sie werden es nämlich sein, die morgen selbst zu Opfern der heute verleugneten Probleme werden.
Der nächste Hauptbereich im Buch ist "Persönlichkeitsentwicklung als Führungsaufgabe". Mit dem ersten Beitrag wird deutlich und provokant auf zerstörerische unterschwellige Prozesse (nicht nur in NPOs) aufmerksam gemacht. Unter dem Titel: "Institutionen und Organisationen zwischen Angstbindung und Angstproduktion" werden diese Fragen gestellt:
Welche Bedeutung hat das Unbewusste in Organisationen? Wie funktioniert Angstbindung (Angst als wachsendes Phänomen und Ergebnis der "Downsizing-Strategie") und welche Auswirkung hat sie? Dieser selbstkritisch (darf man die Psychoanalyse für Organisationen bemühen?) formulierte Beitrag dürfte für alle Unternehmen interessant sein, die bereit sind, sich hinter die öffentlich postulierte Fassade blicken zu lassen und unbewusste Prozesse als Realität anerkennen. "Die Aggressionen, mit der Veränderungen durchgeführt werden, werden abgewehrt durch die gleichzeitige Publikation von Leitlinien und anderem mehr." (S. 200). Die Unterwerfungsgesten von Mitarbeitern und deren Schweigen zu Missständen können als Reaktion dieser teils versteckten Brutalität im Umgang mit der Belegschaft gewertet werden.
Im dritten Teil: "Praxis: Organisationen und Reflexionen" wird dann endlich, im letzten Beitrag, das im Titel angekündigte "Darmstädter Managementmodell" vorgestellt. Dieses stellt ein zeitgemäßes und interessantes Studium an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt dar. Viele Autoren dieses Buches sind auch dort tätig. Drei Hauptthemen bestimmen die Module: Theorie und Praxis des systemischen Managements (Unternehmensentwicklung, Identität und Organisation, u.a.), Sozialwissenschaftliche Grundlagen (Arbeitsrecht, Forschung, Steuerrecht, u.a.) und Führungskompetenz im Management (Internationale Dimension, kulturelle und politische Dimension und strategische Dimension).
Wenn die ersten Abgänger dann irgendwann auch endlich Führungspositionen innehaben sollten, darf man hoffen, dass die Moderne in NPOs angebrochen ist!
Bei der Bewertung sollen zwei Sterne anzeigen, dass es sich hier um ein positiv anschlussfähiges Werk an zeitgemäße Managementideen handelt. Manches ist sicherlich sowohl für Profit- als auch Nonprofitunternehmen interessant. Insgesamt würde für 3 Sterne der vorausschauende und durchweg innovative Charakter noch zu entwickeln sein.
Die Zielgruppe erlaubt kein Ausschlussverfahren: Jeder, der sich über gesellschaftspolitische Fragestellungen ernsthaft Gedanken macht oder sich schlicht aus persönlicher Fürsorge für die eigene Zukunft oder die der kommenden Generation gefragt sieht, sollte sich das Buch zu Gemüte führen. Gerade die klugen Köpfe sind dringend eingeladen, hier ihren Beitrag zu einer Umgestaltung unserer vertrackten wirtschaftlichen Situation leisten. Wenn es stimmt, dass "eine Kette so stark ist wie das schwächste Glied", könnte diese Kette schon Risse haben.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dagmar Wiegel) |
(dwiegel 10.04.2006) |
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