Autor(en):
Nationalökonom, ehemaliger Ghostwriter für politische Führungskräfte, Journalist, u.a.
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Arbeitswelt |
Arbeitswelt steht hier als Sammelbegriff für alle Bücher, die sich mit Themen rund um Arbeit und Gesellschaft auseinandersetzen |
Rezension:
Kennen Sie das Märchen: "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen"? Mit der Lektüre dieses Buches hätte er sich vermutlich Abhilfe geschaffen. Die sehr eingängig beschriebene Situation unserer politischen Landschaft kann uns tatsächlich das Fürchten lehren. In diesem Buch werden Sie auf manches aufmerksam gemacht, was Sie vielleicht lieber nicht gewusst hätten.
Falls Sie noch zu der schwindenden Gruppe der Wählenden gehören, falls Sie mit Interesse die Fachpresse zu aktuellen politischen Themen lesen, falls Sie aufmerksam Talkshows und Interviews mit unseren politischen Führungskräften und Unternehmenslenkern lauschen, könnte sich dies nach dem Lesen dieses Buches verändern. Vielleicht verlieren Sie ein wenig das Interesse, da Sie – ob Sie wollen oder nicht – zur Kenntnis zu nehmen haben, dass wir alle wohl nicht mal die halbe Wahrheit der wirklichen Zustände im Lande kennen. Oder Sie entwickeln politische Aktivitäten und engagieren sich mehr als bisher, um endlich unser Land wieder in konstruktive Bahnen zu lenken. Dies wäre dann im Sinne des Autors!
Nur wird es für Sie wahrscheinlich danach schwieriger werden, so weiter zu machen wie vorher.
Sollten Sie sich auf das Experiment dieses speziellen "Selbsterfahrungskurses" einlassen, gehen Sie auf jeden Fall mit sehr viel mehr Fragen als Antworten am Ende hinaus. Was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss, sondern ein Anzeichen für ein wenig mehr kritische Wachheit.
Herr Müller rechnet mit den Nachteilen des Neoliberalismus, der sich seit über 20 Jahren wachsendes Gehör in Deutschland verschafft, unerbittlich ab. Seine Hauptkritik weist auf den Tatbestand hin, dass davon nur eine kleinere Elite profitiert, die Schwächeren in der Gesellschaft dafür in erster Linie bezahlen. Die sozialen Sicherungssysteme würden bewusst aufgeweicht, Politiker haben sich längst auf die Seite von Versicherungen und Unternehmen gerettet, arbeiten diesen mit einer sich verstärkenden "Schwarzmalerei" zu. Er nennt Namen und rechnet mit konkreten Personen parteiübergreifend öffentlich ab. Horst Köhler, Angela Merkel, Gerhard Schröder ebenso wie Köpfe aus der Wirtschaft werden an ihren Worten und Taten gemessen und mit vielen Zitaten der Beteiligten unterlegt kritisiert.
Zum Inhalt, der mit Beispielen aus den Kapiteln angereichert wird:
- Einführung
- Konkursverschleppung ("Die häufigsten Strategien: Misserfolge werden als Erfolge gefeiert und jede kleine Wachstumsverbesserung wird in einen Erfolg der Reformen umgedeutet... Die Reformen brauchen mehr Zeit... Die Dosis ist zu gering... Schuld ist die Blockade... Die Reformen wurden ausgenutzt, der Sozialstaat ist schuld am Misserfolg..." S.57-63)
- Die Ideologie der Eliten und ihr Versagen ("Merke: Wenn Eliten mehr Eigenverantwortung und mehr Risikobereitschaft fordern, dann sind sie selbst in der Regel gut abgesichert. Sei es dass sie Professoren sind, unkündbar und Pensionsberechtigung haben. Oder Spitzenjournalisten mit einem guten Vertrag und entsprechendem Vermögen. Oder es sind gut verdienende Vertreter der Wirtschaft, die ebenfalls über Vermögen verfügen." (S. 97)
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Die Totengräber und ihre Leichen ("Die intellektuelle Elite hat sich zu einem merkbaren Teil auf die Seite der Mächtigen geschlagen. Das ist bitter für die Schwächeren. Denn wenn nicht zumindest ein Teil der geistigen Eliten sich für die Schwächeren einsetzt, statt das Sein ihr Bewusstsein bestimmen zu lassen, wird eine Gesellschaft kalt." S. 140)
- Der Fisch stinkt vom Kopf her ("Eliten wissen über alles Bescheid... Es ist ehrenwert und es ist notwendig, sich zu informieren und sich eine Meinung zu bilden. Ich versuche nur zu erklären, warum die Eliten in diesem berechtigten Drang sehr schnell zu Opfern werden, wenn sie nicht aufpassen. Die Eliten aus dem bildungsbürgerlichen Lager müssen wieder lernen zu zweifeln und skeptisch zu sein... Korruption setzt bei den Eliten an und nicht beim Volk... Eliten gefallen sich im Zuspruch Gleichgesinnter..." S. 189-190)
- Egoisten in einer Scheinwelt (Es geht um Regression, selbstreferenzielle Scheinwelten, Meinungsmanipulation, die Eigeninteressen der Sachverwalter und die mächtigen Interessen der Wirtschaft (S. 204)
- Die Netzwerke unserer Eliten (Hier stellt er u. a. eine von ihm erfunden fiktive Strategie vor, die man als höchstprovokantes Erklärungsmodell der beobachtbaren Vorgänge nutzen kann. Bsp.: "Die Arbeitslosigkeit und die schlechte Konjunktur müssen wir nutzen, um die mangelnde Solidität der kollektiven Sicherungssysteme wie etwa das der gesetzlichen Rente immer wieder sichtbar zu machen. Aus diesen Gründen gibt es aus unserer Sicht kein besonderes strategisches Interesse an einer schnellen Überwindung der Rezession. Die Krise hilft, Strukturreformen wie die Umstellung von gesetzlicher Rente zur Privatvorsorge einsichtig erscheinen zu lassen." (S. 297)
Herr Müller sieht vor allem die Versicherungsunternehmen, in denen inzwischen viele (Ex-)Politiker Aufsichtsratsposten haben, für die Professoren und Berater aus der Wissenschaft entsprechende Erhebungen durchführen, als Gewinner der Rezession. Besonders hebt er die Kampagne "Initiative Soziale Marktwirtschaft" hervor, an der die Verstrickungen zwischen Politik, Medien und Wirtschaft besonders gut deutlich werden, um einseitig meinungsbildend auf die Bevölkerung einzuwirken.)
- Erste Hilfe gegen Propaganda und mittelmäßige Eliten. (Er untersucht genauer, wie wir inzwischen mit Floskeln (Wie wir ja alle wissen..., mittlerweile ist ja unbestritten, ...es ist ja nun einmal so... Reformstau, Reformblockade etc...), Meinungen austauschen ohne noch zu wissen was sie bedeuten. Er fordert auf: "Sich neu orientieren werden sie (die Eliten) aber, wenn die öffentliche Meinung sich zu wenden beginnt. Dies wird nur geschehen, wenn sich der kritische Verstand im Volk wieder regt." (S. 343). Es geht weniger um eine Verschwörungstheorie, bei der irgendwo die bösen Strippenzieher sitzen, sondern: "Aus dem Zusammenspiel der diversen Interessen hat sich ein sich selbst organisierendes und sich selbst verstärkendes System entwickelt. Das funktioniert nach dem einfachen Prinzip: Eine Strategie, die sich als erfolgreich erweist, wird verstärkt und zieht neue Anhänger und Nachahmer heran, was den Prozess wiederum beschleunigt und verstärkt..." (S. 348)
Mit dieser subjektiven Auswahl an Beispielen sollen Sie Appetit auf mehr bekommen. Der Autor unterlegt alles, was er kritisiert, mit Zahlen, Zitaten, Beispielen und bleibt damit fachlich und journalistisch sauber. Es geht ihm weniger um emotionale Hetzerei und Polemik als mehr um das Aufrütteln einer sich im Dämmerzustand befindlichen deutschen Mehrheit.
Es gibt 3 Sterne, da der Autor, auch wenn man nicht seiner Meinung ist (die er erfreulicherweise immer wieder selbst im Text hinterfragt) beim Lesen im eigenen Gehirn einen kontinuierlichen Diskurs auslöst. Wie viele Bücher können das von sich behaupten? Es ist in der aktuellen Situation höchstbrisant und stellt eine wichtige Unterbrechung der wachsenden Lethargie, zu den inzwischen fast kanonhaft wiederholten Begriffen wie Reform, Veränderung, Erneuerung, Wachstum etc dar. Begriffe, von denen kaum noch einer weiß, was sie genau bedeuten, bzw. wie was man mit ihnen anstellt.
Die Schwächen des Buches (seine Verallgemeinerungen, seine bewusste Interpretation bestimmter Ereignisse, seine deutliche und einseitige Kritik am Neoliberalismus etc.) sind zu verschmerzen, denn bevor ein Patient geheilt wird, sollte man als erstes eine korrekte Diagnose stellen. Dabei hilft, in aller Subjektivität, der Autor.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Dagmar Wiegel) |
(dwiegel 14.04.2006) |
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