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qualifiziert & arbeitslos
Eine Irrfahrt durch die Bewerbungswüste

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Ehrenreich, Barbara
(2006)
Verlag Antje Kunstmann, ISBN: 3888974364


Unsere Bewertung:   

Schlagworte:
Karriere, Erfolg, Arbeitsmarkt

Themenliste Literatur
Karriere   Wer sich beruflich weiterentwickeln möchte, ist hier richtig: von der Bewerbung bis zu schwierigen Entscheidungen an wichtigen Weichen des eigenen Werdegangs

Wer amerikanische Bewerbungsbücher kennt, stößt immer auf den Ratschlag, Stellensuche als Full-Time-Job anzusehen. Dies sei wohl die "calvinistische Sehnsucht irgendetwas Arbeitsähnliches" zu tun, so die Autorin, Barbara Ehrenreich, eine bekannte amerikanische Publizistin, die über ihren Selbstversuch als Barbara Alexander nach Wallraff-Manier versucht, eine Stelle zu finden. Zunächst einen Büro-Job im PR-Bereich mit Krankenversicherung und einem Jahreseinkommen von 50.000,- Dollar, einige Monate später – durch Bewerberberater ermutigt - als Führungskraft im PR-Bereich mit einem Gehalt von 100.000 p.a.

Die Autorin hat sich eine neue Identität zugelegt und will sich verhalten wie eine zielstrebige Bewerberin, die mobil ist und alles tun will, um "einen anständig bezahlten Job zu ergattern." Um dieses Ziel zu erreichen, wird sie sechstausend Dollar ausgeben für Beratung, Coaching, Training, Networking-Veranstaltungen, Internetrecherche und Bücher. Sie hat Persönlichkeitstests mitgemacht, wie "Wagner Enneagram Personality Style Scales (WEPSS)", der offenbaren sollte, welcher Persönlichkeitstyp sie ist und – davon abgeleitet – welchen Job sie suchen soll. Bei diesem Test ist herausgekommen, dass sie kein Talent zum Schreiben hätte.

Aus Büchern lernt sie "die Kraft des positiven Denkens" (Vincent Peale) und aus einem anderen Buch, wie man die erste Million macht (Mike Hernacki: The Ultimate Secret to Getting Absolutly Everthing You want).

Dale Carnegie hat bei uns den amerikanischen Traum populär gemacht: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Alles ist möglich, man muss es nur wollen. Das positive Denken ist bis in die Chefetagen gedrungen. Die Gurus und Marktschreier Ratelband, Höller und Löhr haben auch hierzulande kräftig nachgeholfen bei der Verbreitung dieser Gedanken: Erfolgreiche Menschen denken positiv, man müsse nur seine negativen Gedanken verscheuchen und immer lächeln, auch auf dem Klo, rät die Trainerin Vera Birkenbiehl. Es sind die schlichten Botschaften, an die man nur glauben müsse.

Barbara Ehrenreich hat in den Bewerber-Seminaren auch den Satz gehört, den Jürgen Löhr in seinen Seminaren verbreitet:
"Jeder ist ganz allein für sein Schicksal verantwortlich." Sie soll mit einer neuen Einstellung an die Sache herangehen: "Schluss mit Schüchternheit und Verweigerungshaltung!"

Man bietet ihr Vertreterjobs an, als Selbstständige, ohne Sozialversicherung, z.B. den Verkauf von Immobilien sowie Kosmetika nach dem Schneeballsystem. So etwas wird auch bei uns angeboten.

Ab Seite 200 erregt die Autorin Mitleid. Sie hat ihr Ziel nicht erreicht, einen gutbezahlten Job im PR-Bereich zu finden. Sie geht zu Jobmessen, wo Jobs für Nicht-Führungskräfte angeboten werden. Sie bewirbt sich als Empfangsdame und Mitarbeiterin bei der Passagierkontrolle auf Flughäfen. Vergeblich. Die Realität zieht sie nach unten:
"Sie möchten nichts mit mir zu tun haben, nicht einmal in der Version der lächelnden, Kostüm tragenden, unendlich anpassungsfähigen Barbara Alexander."

Sie räumt freiwillig ein, dass sie Fehler bei der Bewerbung gemacht habe. Sicher. Es war auch nicht wirklich ihr Ziel, eine Führungsposition im PR-Bereich zu bekommen. Die Realität hätte sie, Jahrgang 1941, auch in Deutschland schnell eingeholt. Wer über sechzig Jahre alt ist, hat hier keine Chance auf eine Festanstellung.

Man hätte ihr bessere Berater gewünscht, aber das Desaster wäre ihr wohl auch hierzulande nicht erspart geblieben. Sie wäre wohl auch in Deutschland auf Karriereberater gestoßen, die nicht besser qualifiziert sind als in den USA und über Stellensuche reden wie ein Blinder von der Farbe. In vielen Büchern in Deutschland über Bewerbung und Stellensuche steht nichts anderes als in amerikanischen. Die Ratschläge in den Jobbörsen und bei den Online-Diensten der Magazine und Zeitungen verbreiten den selben Erfolgsglauben.

Barbara Ehrenreich beschreibt "die Irrfahrt durch die Bewerbungswüste" mit ironischer Distanz und nimmt Abschied vom amerikanischen Traum: "Meine Leidensgenossen sind so wie andere Amerikaner der Mittelschicht mit dem alten protestantischen Glaubenssatz groß geworden, dass harte Arbeit durch materiellen Wohlstand und Sicherheit belohnt wird."

Vielen Stellensuchenden bei uns – und gerade im Osten – ist nicht fremd, wie man sich fühlt, wenn man vergeblich eine Stelle sucht. Nur der amerikanische Traum und das Karrieredenken ist den Ostdeutschen fremd geblieben. Barbara Ehrenreichs Verdienst besteht darin, dass sie Auswahlverfahren ad absurdum führt und die Erfolgsideologie in Frage stellt, wie es vor ihr in der amerikanischen Literatur Arthur Miller (Der Tod des Handlungsreisenden) getan hat. Der Handelvertreter Willy Loman definiert sich über seinen Beruf und seinen Erfolg im Beruf. Nach den Maßstäben des beruflichen Erfolgs ist Willy Loman ein Versager. Er strengt sich an, arbeitet fleißig, aber sein Einkommen reicht nicht einmal, um seine Familie zu ernähren. Er steht vor dem Scheiterhaufen seines Lebens. Er wird in dem System nicht mehr gebraucht, weil er nicht mehr effizient arbeitet. Es endet tragisch. Willy Loman nimmt sich das Leben.

Barbara Ehrenreich wird weiter Bücher schreiben. Hoffentlich.

(MWonline zur Verfügung gestellt von Karl-Heinz List)

(letter 09.05.2006)

Diese Buchbesprechung ...
lässt keine Wünsche offen 
ist interessant, könnte aber ausführlicher sein 
ist wenig aussagekräftig 
wird dem Buch nicht gerecht 

 

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