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Selbstmanagement |
Nur wer sich selbst führen kann, der vermag auch andere zu führen. Alles zum Thema Selbstmanagement, Selbstcoaching, Zeitmanagement etc. |
Rezension:
Ursprünglich stand "RET" für Rational-Emotive Therapie – ein zumindest im Deutschen etwas bemüht klingender Begriff für einen sehr klugen Therapieansatz, der letztlich an den griechischen Philosophen Epiktet (um 50 – 120 n. Chr.) anknüpft: "Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über diese Dinge." Albert Ellis großer Verdienst ist es, diesen Grundgedanken der stoischen Philosophie zugespitzt zu haben auf sein "ABC"-Modell, das deutlich macht, dass zwischen dem "A" der Ausgangssituation und dem "C" der (emotionalen) Consequence das "B" der Beliefs (Bewertungen, Überzeugungen, Glaubenssätze) steht und dass deshalb eine Veränderung unserer "B´s" auch zu einer Veränderung unserer "C´s" führt. Mit anderen Worten, unsere Gefühle sind nicht die zwangsläufige und unvermeidliche Konsequenz unserer Erfahrungen und Erlebnisse, sondern die Folge unserer gedanklichen Bewertungen und die wiederum sind in erheblichem Maße geprägt von unseren Überzeugungen und Glaubenssätzen. Nur so ist zu erklären, dass verschiedene Menschen auf die gleiche Ausgangssituation ("A") mit recht unterschiedlichen Gefühlen reagieren.
Ellis Ansatz liegt nun darin, diese "B´s" nach "rational" und "irrational" zu unterscheiden und seinen Klienten nahezulegen, von "irrationalen Überzeugungen" abzulassen und sie durch "rationale Bewertungen" zu ersetzen. Für ihn und seine Schüler sind all jene Überzeugungen irrational, die keiner "wissenschaftlichen Disputation" standhalten. Das ist nun ein etwas aufgeblasener Begriff für einen sehr sinnvollen Gedanken, nämlich dass wir oftmals dazu neigen, unsere Bewertungen, Besorgnisse und Vorbehalte maßlos zu übertreiben. In unserer aufgeregten Dramatisierung ist es dann zum Beispiel nicht bloß ärgerlich, den Zug verpasst zu haben, sondern "furchtbar". Der Lärm aus dem Nachbarzimmer ist nicht nur störend, sondern "völlig unerträglich", und der Krach mit dem Chef nicht bloß belastend, sondern "eine Katastrophe". Diese Dramatisierungen wären eine harmlose Marotte, wenn wir uns damit nicht selbst das Leben schwer machen würden. Ellis und seine Schüler fragen hier penetrant und beharrlich nach: "Welche Beweise haben Sie dafür, dass Sie den Lärm tatsächlich nicht ertragen können?" So entsteht beinahe zwangsläufig eine Relativierung, die in sehr vielen Fällen zu einer schnellen und effizienten Entlastung führt: Wer seine Probleme realistischer sieht, hat sie damit zwar noch nicht los, aber eine weitaus bessere Basis für ihre Lösung - oder für ihr achselzuckendes Ertragen. Denn wenn der Lärm keineswegs "unerträglich", sondern nur lästig ist, dann lässt er sich zur Not auch aushalten.
Aus diesen Grundgedanken sind im Laufe der Jahre zahlreiche Bücher von Albert Ellis und seinen Schülern entstanden, die sich den unterschiedlichsten Lebensproblemen widmen. Die Besonderheit der RET ist dabei, dass sie nicht nur immer neue Abhandlungen für Therapeuten hervorgebracht hat, sondern auch zahlreiche Selbsthilfe-Ratgeber für die verschiedensten Lebensbereiche. Da die Grundgedanken einfach, einleuchtend und sehr lebensnah sind, kann diese "Rational-Emotive Selbsthilfe" durchaus gelingen – unter der einzigen Bedingung, dass die Anwender bereit sind, sich darauf einzulassen und ihre Dramatisierungen in Frage zu stellen. Aber diese Einschränkung gilt auch für jede Therapie: Wenn der Klient hartnäckig darauf besteht, dass seine Aufbauschungen die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit sind, kann ihm der beste Therapeut nicht helfen.
"Coach dich!" ist solch ein Selbsthilfe-Ratgeber, der sich speziell an Führungskräfte richtet und ihnen praktische Anleitungen gibt, wie sie eine Reihe typischer (emotionaler) Probleme von Managern im Umgang mit sich selbst und anderen in den Griff bekommen können:
- Verbesserung der Entscheidungsfähigkeit bzw. -bereitschaft (Kap. 3)
- Erfolgreicher Umgang mit Mitarbeitern und Konkurrenten (Kap. 4)
- Selbstdisziplin (Kap. 5)
- Selbstakzeptanz (Kap. 6)
- Abbau von Feindseligkeit (Kap. 7)
- Vorbeugung gegen Depressivität (Kap. 8)
In diesen Kapiteln gehen die Autoren sehr handfest, beispielreich und lebensnah einigen typischen emotionalen (Selbst-)Blockaden nach, mit denen man sich als Manager das Leben schwer machen kann, wie zum Beispiel, um zwei typische Ellis-Begriffe zu verwenden, die Tendenz zum "Katastrophisieren" und die ebenfalls sehr verbreitete Neigung zum "Mussturbieren", das heißt zur Entwicklung rigider Forderungen, wie die Welt und andere Menschen gefälligst sein müssen: Der Chef gerecht, die Kollegen kooperativ und die Mitarbeiter motiviert und leistungswillig. Dazu meint die RET: Ohne Zweifel wäre es schön, wenn sie so wären, aber es gibt kein Gesetz, das sie dazu verpflichtet und auch keine moralische Verpflichtung. Und falls sie nicht so sein sollten, wäre das keine Katastrophe, sondern nur ein etwas ärgerlicher, lästiger Teil der ganz normalen Management-Realität, der zu unserem Berufsleben ebenso dazu gehört wie Staus, Zugverspätungen und Lebensmittelskandale.
Vor diesem Hauptteil legen die Autoren in zwei Kapiteln "Das ABC des Rationalen Effektivitäts-Trainings" und die Bedeutung der "Konzentration auf die Sache" dar. Dabei ist ihnen wichtig, einem möglichen Missverständnis entgegenzutreten, das aus ihrem starken Betonen der Rationalität entstehen könnte: "Die Förderung rationaler Sensitivität bedeutet nicht, dass wir aus uns ´kalte Kopfmenschen´ machen sollen, die keine Gefühle mehr haben. Ganz im Gegenteil! Vernunftorientiertes Denken fördert oftmals die eigene Gefühlswelt. So werden wir kreativer, gehen mehr auf andere zu, haben Spaß an Leistung und fördern die Entwicklung positiver Gefühle. Vernunft dient, Unvernunft sabotiert Lebensgenuss! Vernunft verstärkt angemessene und verringert unangemessene Gefühle. Vernunft verhilft uns zur Fähigkeit, zwischen diesen beiden Gefühlen zu unterscheiden". (S. 12) So formuliert, klingt das etwas bekenntnishaft: Das mag der Leser glauben oder auch nicht. Doch die "rationale" Begründung wird an anderer Stelle durchaus gegeben: Andere Bewertungen führen auch zu anderen Gefühlen und realistischere ("rationalere") Bewertungen führen zu weniger belastenden Gefühlen.
Den Abschluss bilden zwei kurze Kapitel, die noch einmal in kompakter Form Hilfen im Umgang mit den Ärgernissen des täglichen Lebens geben: "Die Tough Shit Methode zur schnellen Selbsthilfe bei emotionalen Blockaden" und "Weitere schnelle Hilfen gegen emotionale Blockaden". Die erste Überschrift wirft die Frage auf, ob uns die Autoren vielleicht auf den Arm nehmen wollen, doch auch diese Kapitel sind durchaus ernst gemeint und ernst zu nehmen. Ihre Empfehlung lautet schlicht, im Falle von Widrigkeiten anstelle "katastrophisierender" oder "mussturbierender" Gedanken ein beherztes "Tough Shit" oder auf Deutsch "Verdammter Mist" auszurufen. Nun kann man sich fragen, ob man Psychotherapeuten braucht, um auf diese Lösung zu kommen – aber vielleicht braucht man sie, um ihren psychohygienischen Nutzen zu erkennen: Eine solche kräftige Unmutsäußerung übertreibt den Stellenwert des Problems nicht, verharmlost ihn aber auch nicht, sie beschuldigt oder verurteilt niemanden und bietet doch der entstandenen Verstimmung ein kurzfristig wirksames Überdruckventil. Im Alltag kommen viele sogar mit einem einzigen Wort aus – und es ist schon ein bisschen kurios, dass jener Ausruf, den uns unsere Eltern vergeblich abzugewöhnen versuchten, auf diese Weise zur empfehlenswerten psychohygienischen Sofortmaßnahme geadelt wird. Wer möchte, kann daran die Frage anschließen, ob wir vielleicht tief in unserem Inneren mehr wissen, als wir wissen, dass wir wissen. (Oder so ähnlich).
Alles in allem ein empfehlenswerter Selbsthilfe-Ratgeber (vor allem) für Führungskräfte und solche, die es werden wollen - auch wenn ich an einem Punkt mit dem Menschenbild von Albert Ellis und seinen Jüngern ein Problem habe, nämlich ihrer (in meinen Augen) Überbetonung des Individuums und seiner Interessen: "Wem zum Beispiel gilt Ihre hauptsächliche Loyalität? Der Firma? Ihren Vorgesetzten? Ihren Kollegen? Keineswegs! Die Antwort lautet: Ihnen selbst!" (S. 26) Nach ihrer Lehre "sind wir das Zentrum unserer eigenen Existenz, leben in erster Linie für uns selbst (nicht für eine anonyme Gemeinschaft oder eine fundamentalistische Idee)" (S. 23) Ich kann mir vorstellen, dass das bei vielen Führungskräften gut ankommt. Doch wenn es stimmt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, dann können wir unsere Erfüllung wohl nur gemeinsam mit anderen und im Bezug auf die Gemeinschaft finden. Deshalb scheint mir fraglich, ob sich aus lauter Menschen, die in aller Konsequenz alleine ihre eigenen Ziele und Interessen verfolgen, ein soziales System bauen lässt, das allen oder doch den meisten Beteiligten ein erfülltes Leben ermöglicht.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner) |
(wb 22.09.2006) |
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