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Mit ihrem Pyramiden-Prinzip will Minto uns helfen, mehr Ordnung und Struktur in unsere Gedanken und Präsentationen zu bringen. Sie tut das allerdings mit solcher Akribie und Ausführlichkeit, dass der Effekt schon fast in sein Gegenteil umschlägt.
Das "Pyramid Principle" ist ein Longseller. Schon bald nach seinem ersten Erscheinen 1991 galt es in Beratungsfirmen als Geheimtipp. Vielerorts ist es Pflichtlektüre für junge Berater, weil es lehrt, wie man Präsentationen logisch, nachvollziehbar und verständlich aufbaut. Das ist ohne Zweifel ein wichtiger Erfolgsfaktor für Berater – aber keineswegs nur für sie. Auch Führungskräfte, vom hoffnungsvollen Nachwuchsmanager bis hin zum Vorstandsvorsitzenden, sind darauf angewiesen, ihre Ideen gut gegliedert und überzeugend zu präsentieren. Auf Deutsch ist "Das Pyramiden-Prinzip" erstmals 1993 bei Econ herausgekommen; eine Neuauflage erschien zwölf Jahre später überarbeitet (und erheblich verteuert) bei Pearson.
Der Titel fasst den Inhalt so gut zusammen, dass man sich fragt, weshalb noch 248 Seiten (bzw., in der Neuauflage, 271 Seiten) erforderlich sind, um die zentrale Botschaft zu vermitteln. Je weiter man liest, desto deutlicher wird: Sie sind es nicht, selbst bei reichlicher Untermauerung der Kernaussagen mit Beispielen nicht. Denn das Buch hat tatsächlich – darin folgt es streng seiner eigenen Lehre – nur eine zentrale Botschaft. Sie lautet: Was auch immer du präsentierst (oder gedanklich zu einer Präsentation aufbereitest), tue es in Form einer Pyramide, das heißt, bringe deine Gedanken in eine hierarchische Ordnung! Diese Kernthese muss natürlich erläutert, mit Beispielen untermauert und nach verschiedenen Varianten differenziert werden; trotzdem wirkt das Buch künstlich und beinahe gewaltsam auf Hardcover-Umfang aufgebläht. Beim Lesen ertappt man sich zunehmend darin, ganze Passagen nur noch zu überfliegen. Und wenn man sich zwingt, sie genauer zu lesen, erweist sich meist, dass das Überfliegen doch die bessere Idee war.
So viel Know-how erfordert es offenbar doch nicht, eine Präsentation logisch aufzubauen und seine Argumente in eine hierarchische Ordnung zu bringen: Das scheint mehr eine Frage der Disziplin als des methodischen Wissens zu sein. Dennoch scheint man davon ganz gut leben zu können (falls man dabei nicht vor Langeweile stirbt): Barbara Minto, Harvard MBA, hat sich nach einigen Jahren bei McKinsey offenbar auf Präsentationstrainings bzw. die Strukturierung von Präsentationen spezialisiert. Und sie hat damit ihre Nische gefunden, die vieles garantiert, nur nicht Abwechslung. Sie hat sich das "Minto Pyramid Principle" sogar markenrechtlich schützen lassen und bietet zweitägige Trainings sowie einen "Self-Study Course" zum "MPP" an.
Die erste Ausgabe des Buchs war in zwei Teile gegliedert: "Logik im Schreiben" und "Logik im Denken". Beckmesser könnten hier anmerken, dass es eine gute Idee wäre, erst zu denken und dann zu schreiben. In der Neuauflage sind zwei Teile hinzugekommen, nämlich "Logik beim Lösen von Problemen" und "Logik in der Präsentation". Das löst das alte Problem nicht, sondern wirft stattdessen zwei neue auf, nämlich: Was ist eigentlich Denken, wenn nicht das Lösen von Problemen? Und: Sollte nicht zwischen der "Logik beim Schreiben" und der "Logik der Präsentation" ein Zusammenhang bestehen? Und falls doch, was ist dann die Logik dieser Logik? Ich kann nicht beurteilen, ob die Autorin hier ihrer eigenen rigiden Systematik oder der Übersetzung zum Opfer gefallen ist; so richtig "logisch" wirkt diese Struktur auf mich jedenfalls nicht.
Mühe habe ich mit Mintos Logik auch, wo sie die Probleme deduktiver Argumentation erläutert: "Das deduktive Argumentieren scheint das allgemein bevorzugte Muster in Denkprozessen zu sein, vermutlich deshalb, weil die Konstruktion einfacher ist als beim induktiven Argumentieren. (...) Doch obgleich es zweckmäßig ist, deduktiv zu denken, ist es ausgesprochen umständlich, deduktiv zu schreiben." (Ausgabe 1993; S. 96) Als Beispiele für Prämissen, aus denen deduktive Schlüsse abgeleitet werden, verwendet sie neben dem vielgeschundenen Sokrates-Syllogismus ("Alle Menschen sind sterblich ...") auch die Beispiele: "Zweck der Monopolgesetzgebung ist es, Produktion und Distribution zu stimulieren" und "Seit der Zentralisierung seiner EDV-Aktivitäten vor fünf Jahren hat das Unternehmen viel erreicht" (1993; S. 96). Aber das sind beides keine Prämissen, die sich für eine deduktive Argumentation eignen, denn aus keiner von beiden ist irgendein deduktiver Schluss ableitbar. Dennoch schließt Minto im ersten Fall: "Daher sollten die Gewerkschaften durch die Monopolgesetzgebung kontrolliert werden" und im zweiten: "Folglich sollte die Firma ihre Vorgehensweise in der jetzigen Situation neu definieren" (1993, S. 96). Beides mag man richtig finden oder nicht; ein logischer Schluss aus der jeweiligen Prämisse ist weder das eine noch das andere.
Die Verwendung dieser Beispiele legt den (induktiven) Schluss nahe, dass Minto die formale Struktur deduktiver Schlüsse nicht wirklich durchdrungen hat. (Was für ein Buch, das uns Logik lehren will, schon erwartet werden könnte.) Das eigentliche Problem deduktiver Argumentation im beruflichen wie im privaten und gesellschaftlichen Leben ist nicht ihre Verständlichkeit, sondern ihre praktische Begrenztheit. Denn deduktive Schlüsse sind nur aus deterministischen Prämissen möglich, das heißt aus solchen, in denen das Wörtchen "alle" oder "kein" vorkommt. Wenn die Prämisse "Alle Menschen sind sterblich" lautet, folgt daraus zwingend, dass nicht nur Sokrates, sondern auch Mayer und Huber, sofern Menschen, sterblich sind. Meistens haben wir es im richtigen Leben aber nur mit Trendaussagen zu tun: "Bayern sind konservativ." Was folgt daraus, sofern sie Bayern sind, für Mayer und Huber? Leider ziemlich wenig. Allenfalls, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie konservativ sind, ein bisschen größer ist als wenn sie Hamburger wären. Das ist etwas unbefriedigend, aber aus unsicheren Prämissen lassen sich nun mal keine sicheren Schlüsse ableiten. Da aber die meisten Prämissen im Leben mit Unsicherheit behaftet sind, sind einer deduktiven Argumentation in der Praxis sehr enge Grenzen gesetzt.
Wenn wir indes nicht auf die Schwachpunkte des Buchs fokussieren, sondern auf die Stärken, dann lässt sich in erster Linie konstatieren, dass dieses Buch eine nachdrückliche Mahnung ist, mehr Ordnung und Klarheit in die eigenen Gedanken, Präsentationen und Vorträge zu bringen. Und dass es eine ganze Reihe von methodischen Hinweisen gibt, die uns dies erleichtern (ohne uns freilich den mühsamen Akt gedanklicher Disziplin, den uns dies abfordert, ersparen zu können). Zu den besten Hinweisen zählen für mich die drei Regeln, die uns Minto gleich im ersten Kapitel ans Herz legt. Erstens: "Alle Ideen auf jeder Ebene der Pyramide müssen immer die Zusammenfassung der unter ihnen eingeordneten Ideen darstellen." Zweitens: "Alle Ideen in jeder Gruppierung müssen immer dieselbe Art von Ideen darstellen." Drittens: "Alle Ideen in jeder Gruppierung müssen immer logisch geordnet sein." (1993; S. 30f.)
Ich weiß nicht, ob es ein Problem der Übersetzung ist, aber so wie diese Sätze ein wenig "strohig" und wenig eingängig klingen, so erscheint mir das Buch über weite Strecken: Deutlich mühsamer zu lesen als es vom Anspruchsniveau des Inhalts unvermeidlich wäre. Dazu tragen auch manche ziemlich substanzfreien Ermahnungen bei, wie: "Versäumen Sie nicht, die Einleitung vorher zu durchdenken" oder: "Stellen Sie sicher, dass alle Aussagen auf der Ebene der Schlüsselaussagen untermauert sind" (1993; S. 60f). Heißt wohl auf Deutsch: "Reden Sie kein undurchdachtes Zeug!"
Anregend fand ich trotz Überlänge Kapitel 4 "Texteinleitungen". Minto empfiehlt dafür die formale Struktur "Situation – Komplikation – Frage". Das ist eine gute Hilfe, wenn es einem schwer fällt, Einleitungen zu formulieren. Zahlreiche Beispiele bieten Anregungen und Variationsmöglichkeiten. Doch auch hier schlägt das anfängliche Interesse allmählich in Langeweile, Desorientierung und Frustration um. Es kommt nichts Neues mehr, sondern immer nur noch mehr Punkte zur Untermauerung eines Gedanken, der längst klar ist: Mussten es wirklich 32 Seiten allein zu diesem Thema sein?
Als Resümee verbleibt wenig Begeisterung, aber doch die Feststellung, dass es derzeit – wenigstens nach meiner Kenntnis – wenige Alternativen zu diesem Buch gibt: Zwar etliche, die uns erklären, wie wir besser vortragen und präsentieren sollen, aber soweit ich weiß, keines, das uns anleitet, unsere Gedankenführung klar und "logisch" zu ordnen. Doch das gleiche Ziel ließe sich besser, kürzer und vermutlich auch "substanzhaltiger" erreichen.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner)
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(wb 24.02.2007) |
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