| 360-Grad-Manipulation? |
Kürzlich erhielt ich die Aufforderung, einen 360-Grad-Feedback-Fragebogen für einen ehemaligen Kollegen auszufüllen. Einmal abgesehen davon, dass ich es stets lästig finde, sich endlos wiederholende Formulierungen nach dem Grad ihrer Ausprägungen einzuschätzen, versuchte ich doch, die Klicks so zu setzen, dass sie meiner Wahrnehmung seiner Person möglichst nahe kommen. Zuvor war mir versichert worden, dass meine Antworten streng vertraulich behandelt werden und ich völlig anonym bleibe.
Eine typische 360-Grad-Beurteilung, wie sie in vielen Unternehmen üblich ist. Geben die Ergebnisse ein realistisches Bild der Person wieder? Nur beim ersten Mal, meint Management-Legende Jack Welch in der Wirtschaftswoche. Danach geht das große Mauscheln los. Die Kollegen schanzen sich die positiven Beurteilungen gegenseitig zu, das Verfahren wird zum Kuhhandel. Ist das so?
Rein theoretisch schon. Nur kommen hier zwei Dinge ins Spiel. Zum einen die Anonymität: Sie schützt vor unangenehmen Fragen, man kann seiner Meinung freien Lauf lassen. Das hat zwar den Nachteil, dass ein Hinterfragen der kritischen Rückmeldungen unmöglich ist, bietet aber die Chance, tatsächlich mal zu erfahren, wie man gesehen wird - zumindest in Ansätzen.
Zum anderen: Wer dem Kollegen aus Gefälligkeit die besten Noten gibt, der darf sich nicht beklagen, wenn er ihn eines Tages als neuen Chef begrüßen darf. Nach meiner Erfahrung überlegen es sich die Menschen genau, ob sie wirklich so von den Führungsqualitäten ihrer Kollegen überzeugt sind.
Lustig dagegen finde ich die Auffassung von Jack Welch, dass die klassische Beurteilung durch den Vorgesetzten einen derartigen Kuhhandel verhindert. Schön wär´s. Vorgesetzte müssen mit dem Mitarbeiter noch länger zusammen arbeiten. Sie werden sich hüten, ihn allzu kritisch zu bewerten. Und wenn sie ihn unbedingt behalten wollen, werden sie ihn nicht über den grünen Klee loben. Vor allem aber werden sie die unangenehme Konfrontation über Bewertungen vermeiden, sie können sich nicht hinter der Anonymität verstecken. Also wählen viele eine Bewertung, die nicht allzu sehr aus dem Rahmen fällt. Und wenn diese dann dem Mitarbeiter nicht gefällt, wird kräftig gefeilscht. Wenn das mal kein Kuhhandel ist...
von
Johannes Thönneßen
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Jack Welch / Suzy Welch Ohne Präsenz keine Karriere Wirtschaftswoche (Heft 18, 2007) |
Kann man als Telearbeiter Karriere machen? Und was ist von 360°-Feedbacks zu halten? |