| Beurteilung erzwingen |
So etwas liest man immer wieder: Unternehmen zwingen ihre Führungskräfte, die eigenen Mitarbeiter zu beurteilen. Gerecht, bitteschön, fair, aber realistisch. Und sie erleben, dass die Vorgesetzten dieser Aufforderung nur zögerlich nachkommen. Die Aufgabe ist nämlich alles andere als trivial, zumal man ihnen mit allen möglichen hochkomplexen Beurteilungsbögen das Leben schwer macht. Vor allem aber: Sie sollen das Ergebnis dem Mitarbeiter anschließend beibringen.
Eine Nebenwirkung: Die Führungskräfte drücken sich. Wie bekämpft man Nebenwirkungen? Mit einem anderen Instrument - man macht die Durchführung zum Bestandteil der Zielvereinbarungen für die Führungskräfte und knüpft daran einen Teil der variablen Vergütung.
Prompt tritt die nächste Nebenwirkung auf: Die Beurteilungen fallen "zu positiv" aus. Wenn schon unbedingt Noten vergeben, dann lieber so, dass man anschließend auch noch in Frieden mit den Mitarbeitern zusammen arbeiten kann.
Wie bekämpft man diese Nebenwirkung? Mit einem ganz ausgeklügelten System: Man gibt eine Verteilung vor: Nicht mehr als 10% der berurteilten Mitarbeiter dürfen Bestnoten bekommen, ein Anteil muss auch unterdurchschnittlich abschneiden.
Das ist nun ganz perfide. Ob hier davon ausgegangen wird, dass "Leistung" ein normalverteiltes Merkmal ist - so wie Körpergröße, Gewicht oder Intelligenz? Welch Unsinn - sind doch Mitarbeiter nicht repräsentativ für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, sondern ursprünglich für ihren Job augewählt worden. Es setzt weiterhin voraus, dass Mitarbeiter konstant über oder unter dem "Leistungsdurchschnitt" liegen. Man stelle sich mal vor, ein Bundesliga-Trainer sollte die Spieler seiner Mannschaft beurteilen und dabei 10% durchfallen lassen und 10% als Topleister beurteilen - Spieler, die er eingekauft (eingestellt) und eingesetzt hat für die Aufgaben, für die sie geholt wurden.
Über die Nebenwirkungen dieser Systematik ist uns nichts bekannt. Wäre mal interessant zu erfahren, wie die Führungskräfte damit umgehen - wir fürchten allerdings, dass sich die wenigsten dagegen wehren.
von
Johannes Thönneßen
|
Publikationen zu diesem Thema: |
|
|
Autor / Titel |
Kurzbeschreibung |
 |
Cornelius Welp Sanfter Zwang Wirtschaftswoche (Heft 29, 2007) |
Wie sieht die Personalentwicklung bei der Postbank aus? Wie versucht das Unternehmen, den eigenen Führungsnachwuchs zu identifizieren und zu fördern? |