| Der Chef in mir |
Es ist schon eine seltsame Sache, die "Freiheit". Etwas, das ich Zeit meines Berufslebens irritierend fand und immer noch finde: Da gehen wir jahrelang zur Schule, lassen uns ausbilden oder studieren, um endlich auf eigenen Füßen zu stehen und eigene Entscheidungen treffen zu können, und dann begeben wir uns in Unternehmen, die unsere Entscheidungsfreiheiten drastisch einschränken. Die Freiheit wird in die Ordnung der Fabrik gezwungen, steht in einem interessanten, aber schwer zu verdauenden Interview in der Wirtschaftswoche 45/2007. Dabei ist die Rede vom klassischen Industriezeitalter, welches in vielen Unternehmen wohl noch nicht zu Ende ist.
Der Gegentrend: Die gleichen Unternehmen, die sich Jahrzehnte lang dank gehorsamer Mitarbeiter im Markt der "freien" Wirtschaft behauptet haben, empfehlen diesen nun, zum Unternehmer in eigener Sache zu werden. Sie lehnen es immer mehr ab, ein Leben lang für die Beschäftigung von Menschen und das Einkommen ihrer Familien zuständig zu sein. Mit "freien" Unternehmern wollen sie arbeiten, die mal hier und mal dort arbeiten und sich gegen die Konkurrenz von Millionen anderer freier "Selbstunternehmer" behaupten müssen.
Was daran schlecht ist? Eigentlich nichts, finde ich. Es wird Zeit, dass sich erwachsene Menschen um sich selbst kümmern und sich ihres Wertes bewusst werden. Doch die Kehrseite der Medaille ist, dass nun alles, aber auch jeder Lebensbereich aus der Perspektive des Unternehmers betrachtet werden soll. Kaum noch etwas, das nicht nach ökonomischen Gesichtspunkten bewertet und verglichen wird. Schließlich lauert die Konkurrenz an jedem Ort und schläft nie. Also wird jeder soziale Kontakt zum "Networking", in das man investieren sollte; jede Wohltätigkeit ist nur noch sinnvoll, wenn sie ins eigene "strategische Konzept" passt. Wir werden alle zu "Nutzenmaximierern", nach dem Sinn fragt niemand mehr.
Ganz perfide aber, so anschaulich in dem Interview dargestellt, funktioniert nun die neue Kontrolle. Wo in Organisationen Vorgesetzte darauf achten, dass wir unsere Ziele erreichen, "trägt man jetzt den Chef in sich selbst". Er ist der "innere Richter, der alles sieht und jedes Vergehen mit Gewissensbissen bestraft." Wir Armen. Da sind wir endlich Herr unserer eigenen Geschäfte, doch haben wir den alten Vorgesetzten gegen eine viel strengere Kontrollinstanz eingetauscht - uns selbst.
Da ist was dran. Was bin ich unzufrieden, wenn ich mein selbst auferlegtes Soll für den neuen Newsletter nicht erfüllen kann. Wen anderes als mich selbst kann ich beschimpfen? Über wen soll ich mich beschweren, wenn ich heute nach Hause komme?
Aber ganz ehrlich: So hart ich zu mir selbst als Chef auch bin - eintauschen gegen einen "fremden" Vorgesetzten möchte ich ihn nicht mehr.
von
Johannes Thönneßen
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Publikationen zu diesem Thema: |
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Autor / Titel |
Kurzbeschreibung |
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Dieter Schnaas / Hannah Schuster Differenz von der Stange Wirtschaftswoche (Heft 45, 2007) |
Ein Politologe und ein Soziologe äußern sich in diesem Interview zu de mökonomischen Gebot, sich jederzeit unternehmerisch zu verhalten und wozu dies führt. |