| Gehalt selbst bestimmen |
Wenn das mal nicht bis in die heutige Zeit ein ganz ungewöhnlicher Fall ist. Da entscheidet die Firmenleitung wie in jedem Jahr über die Gehaltserhöhung, sie gibt aber nur einen Prozentwert vor. Wer davon wie viel erhält, entscheiden die Mitarbeiter über eine Abstimmung. Wie bitte?
Da fallen dem Skeptiker gleich eine Menge Einwände ein:
Woher soll denn jeder wissen, was ich in dem Jahr geleistet habe? - Antwort: An dem System beteiligt sind nur die Mitarbeiter der Zentrale, etwa 70. Da kennt man sich schon in etwa.
Was ist, wenn sich jemand an mir rächen will? - Antwort: Da nivelliert sich statistisch aus, die Menge der Bewertungen lässt ein schlechtes Urteil nicht wirksam werden.
Was, wenn es mal nichts zu verteilen gibt? - Ja, da fing auch dieses System an zu wackeln. Soll auch darüber abgestimmt werden, wer gehen muss? Wessen Gehalt gekürzt wird? Letzteres zumindest wäre konsequent gewesen. Die Firmenleitung entließ jedoch 12 Mitarbeiter, setzte Null-Runden an und kehrte nach langen Diskussionen erst zum alten System zurück, als es wieder etwas besser lief. Allerdings mit einer Einschränkung: Man behielt sich vor, über einen Teil des Gehaltes nach Erfolg "von oben" zu entscheiden, also wie in jedem anderen Unternehmen auch. Der Anteil, über den abgestimmt wird, ist damit kleiner geworden. Eine schrittweise Abkehr vom "gescheiterten" Experiment? Laut Firmenleitung nicht, es wurden aber Lehren hieraus gezogen.
Bliebe als Fazit, dass
- Abstimmung über den Gehaltszuwachs nur was für kleine Einheiten ist
- in Krisenzeiten die Demokratie weniger taugt
- Gehaltsfestlegungen am Ende dann doch Chefsache sind.
Oder könnte es sein, dass man den eingeschlagenen Weg nur nicht konsequent verfolgt hat, weil dann doch der Mut fehlte? Die Rede ist übrigens von der IT-Firma "Mensch und Maschine", und der Beitrag erschien in der Brand eins 8/2005.
Wir freuen uns auf eine lebhafte Diskussion zur Frage: Ist es möglich (und ratsam), das leidige Gehaltsthema dadurch zu lösen, dass man die Betroffenen übereinander abstimmen lässt?
Und wenn ja: Wo liegt der Fehler bei dem beschriebenen Vorgehen?
von
Johannes Thönneßen
|
Publikationen zu diesem Thema: |
|
|
Autor / Titel |
Kurzbeschreibung |
 |
Andreas Molitor Revolution light brand eins (Heft 08, 2005) |
Interessanter Artikel über ein Unternehmen, das seinen Mitarbeitern zweimal im Jahr eine automatische Gehaltserhöhung von drei Prozent spendierte und in dem die Mitarbeiter dann entscheiden, wie der Lohnzuschlag verteilt werden soll. |