| Hilfe priorisieren |
Ein junger dänischer Politikwissenschaftler namens Björn Lomborg hat die Umwelt-Lobby mit einem Buch geschockt (Apokalypse No!, im Original: "The Skeptical Environmentalist"), in dem er nüchtern Fakten zusammen getragen hat. Und noch größer war der Aufschrei, als er führende Ökonomen (darunter Nobelpreistraeger) um sich versammelte und sie aufforderte,
die fiktive Summe von 50 Milliarden Dollar in sinnvolle Hilfe zu investieren. Und siehe da: Auf Platz 1 landete der Kampf gegen Malaria und Aids, der Klimaschutz dagegen abgeschlagen
auf Rang 7. Die Kernfrage lautet: Lässt sich "Gutes tun" auf diese Weise priorisieren? Ja, sagt Björn Lomborg, diese Methode lasse sich auf alles anwenden.
Natürlich liefen die Umweltschützer Sturm. Eigentlich müssten sich aber alle beschweren, die sich für eine gute Sache einsetzen: Die Menschenrechtler, die Tierschützer, die
Denkmalschützer, die Schützer alter Sprachen und Traditionen... Sie alle wollen Mittel und Unterstützung für ihre Sache. Was ist das eigentliche Problem? Und was hat das mit Managementwissen zu tun?
Das Anliegen der Wissenschaftler war es, ein wenig mehr Rationalität in das Thema zu bringen. Typisch für Ökonomen ist dabei die Ausgangsfragestellung: Man nehme 50 Milliarden
und frage sich dann, wie man damit am meisten Gutes tun könne. Da man auch für "Gutes" eine Kennziffer benötigt, wählte man "aktuelle Menschenleben". Da ist die Entscheidung
nicht schwer: Wenn ich heute mit 50 Milliarden Dollar Millionen Menschen retten kann, werde ich das Geld kaum in die Modernisierung von einigen Kohlekraftwerken stecken.
Heißt das aber, dass dies "besser" ist? Malaria und Aids schlimmer als die Erwärmung der Erdatmosphäre? Ist "Gutes tun" eine Frage der Zahl von Menschenleben? Björn Lomberg
hätte dazu keine hochdekorierten Wissenschaftler fragen müssen. Machen wir ein einfaches Experiment: Fragen Sie Menschen in Ihrer Umgebung: Angenommen, Sie hätten
50.000 Euro zur Verfügung: Wofür würden Sie das Geld eher ausgeben: Zum Erhalt mehrerer vom Verfall bedrohter einzigartiger historischer Gebäude oder zur Rettung tausender vom Verhungern bedrohter Kinder? Und als Entscheidungskriterium geben Sie Ihnen noch mit, dass damit
den meisten Menschen geholfen werden sollte. Welche Reihenfolge würden sie wohl erhalten?
Der Versuch, Rationalität über Kennzahlen zu erzeugen, ist fragwürdig. Der Wert dessen, das wir retten wollen, lässt sich leider nicht in Dollar oder anderen Zahlen ausdrücken. Ein ganz einfaches Beispiel macht dies deutlich: Wie würde wohl die Reihenfolge sein, würde man den erwähnten Wissenschaftlern eine Summe X zur Verfügung stellen und dazu als Problemstellung die Rettung
eines Menschenlebens (das eines nahen Verwandten) oder die Rettung vieler (nämlich eben jener vom Hunger bedrohten Menschen)? Was wäre hier
"richtiges Priorisieren"?
Ich weiß, das wird dem Anliegen nicht ganz gerecht. Die Ökonomen wollten deutlich machen, dass nicht immer das, was am lautesten und medienwirksamsten als Problem dargestellt wird, auch immer das drängendste ist. Und dass man sich, bevor man viel Geld für eine gute Sache ausgibt, nachdenken sollte, ob das Geld nicht woanders sinnvoller einzusetzen ist. Wenn es ihnen damit gelingt, die Aufmerksamkeit auf Probleme zu lenken, die von der Weltöffentlichkeit verdrängt werden, so ist der Versuch legitim. Am Ende aber bestimmt keine durch ökonomische Kennziffern entstandende Prioritätenliste unser Handeln.
Womit wir beim Bezug zum Thema "Managementwissen" sind. Das Gedankenspiel der Ökonomen erinnerte mich daran, dass ich immer wieder lesen muss, dass soziales Engagement eines Unternehmens nur dann sinnvoll sei, wenn es sich auch rechnet. Und dass ich dann jedes Mal denke: Gut, dass es offensichtlich viele Unternehmer gibt, die sich nicht daran halten.
von
Johannes Thönneßen
|
Publikationen zu diesem Thema: |
|
|
Autor / Titel |
Kurzbeschreibung |
 |
Ümit Yoker Ein Club von Verrückten brand eins (Heft 10, 2005) |
Es gibt Menschen, die versuchen, soziale Probleme unternehmerisch zu lösen. Und es gibt andere, die sie darin unterstützen. Zu letzteren gehört der Ex-McKinsey-Berater Bill
Dayton und die Organisation "Ashoka". |