| Mitleid mit dem Selbstständigen |
Ich erinnere mich gut: Als ich mich endlich entschieden hatte, den Schritt in die Selbstständigkeit zu tun, begegnete ich einer Reihe von Leuten aus sehr unterschiedlichen Hierarchie-Ebenen. Ihre Reaktion war stets die gleiche: "Das finde ich ja toll. Wissen Sie, ich habe auch oft darüber nachgedacht, mit selbstständig zu machen." Dann ging es entweder so weiter: "Ich hatte auch eine gute Idee, wäre sicher was draus geworden. Aber dann habe ich´s doch nicht gemacht!" oder so: "Mir hat nur eine gute Idee gefehlt, sonst hätte ich es sicher gemacht!"
Nein, es war keine leichte Enscheidung. Sie fiel nicht aus der Not, denn die Stelle war ziemlich sicher - damals zumindest. Und es gab auch keine Geschäftsidee, die eine Goldgrube zu werden versprach. Es war einfach der richtige Zeitpunkt - und entsprechend skeptisch reagierte das nähere Umfeld: "Das ist aber mutig!" Dabei schwang stets so etwas wie Neid mit - oder eigentlich mehr Anerkennung. "Der traut sich was..."
In der Brand eins 8/2006 las ich jetzt, dass der Selbstständige in Deutschland einen schweren Stand hat. Ihm haftet nicht das Image des Unternehmers an, der etwas riskiert und "unternimmt", sondern eher der Ruf eines als Angestellten gescheiterten - wer keine Stelle findet, macht sich selbstständig. Das habe ich bisher nicht erlebt, was aber daran liegen mag, dass ich eben aus der gesicherten Anstellung den Schritt unternahm.
Auch eine andere Aussage kann ich nicht nachvollziehen. Angeblich erntet der Selbstständige Neid (wenn er erzählt, wie gut es ihm geht) oder Mitleid (wenn er stöhnt und jammert). Neid, ja, mag sein (siehe oben). Aber Mitleid? Vielleicht jammere ich nicht genug.
In der Tat: Ich arbeite mehr als früher, und ich arbeite überall und ständig. Und anders als früher schaue ich häufiger auf Kontoauszüge und Umsatzzahlen - und gerate ins Grübeln, wenn sich der Kontostand auf niedrigem Niveau einpendelt. Aber dann erreichen mich die Nachrichten aus den Konzernen und großen Organisationen, und ich erinnere mich ganz schnell wieder daran wie es ist, wenn man vor lauter Gerüchten über Umstrukturierungen nicht dazu kommt, seine Arbeit zu tun... wenn man Aufgaben übernimmt, von deren Sinn man nicht sonderlich überzeugt ist... wenn man in Meetings sitzt, deren Ergebnisse vorhersehbar sind und später niemanden mehr interessieren... Und ich seh sie wieder vor mir, die den Blick in die Ferne richten und darüber nachdenken, wie es wohl heute wäre, wenn man sich damals doch selbstständig gemacht hätte...
Nein, das mit dem Mitleid muss ein Irrtum sein, so sehr ich die Brand eins schätze. Wenn jemand überhaupt Mitleid verdient, dann diejenigen, die nur von der Selbstständigkeit träumen - aber ich gestehe - es hält sich in Grenzen.
von
Johannes Thönneßen
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Treffend beschrieben (Leserkomentare)
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"Macht hat, wer macht" - das gilt auch für denjenigen, der sich selbstständig macht. Ein Beitrag einer MWonline-Leserin.
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Mathias Irle Von Raffsäcken, Notlösungen, Belächelten, Faulpelzen, Heulsusen, Versagern und armen Schluckern. brand eins (Heft 08, 2006) |
Über das schlechte Image von Selbstständigen - entweder man wird beneidet oder bemitleidet. Da ist was dran. Obwohl es nirgendwo so viele Förderungen gibt wie in Deutschland, tun sich die Menschen schwer. |
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Sigrid Caroline Schroder Unternehmer werden ist nicht schwer... Harvard Businessmanager (Heft 06, 2006) |
Das Leben im Großunternehmen bietet für erfahrene angestellte Manager eine Vielzahl von Möglichkeiten und ein immer noch relativ "sicheres" Gehalt. Im Gegenzug lebt man mit einer gehörigen Portion Fremdbestimmung. Da denken viele: "Ach, ich mache mich selbstständig, dann habe ich den Ärger nicht mehr!" Was man dabei beachten sollte, beschreibt die Autorin äußerst zutreffend. |