| Unternehmenswerte kommunizieren? |
Soll ein Unternehmen die Werte, für die es steht, kommunizieren? Natürlich, sagen die einen, das dient der Mitarbeiterbindung. Dann nämlich können die Mitarbeiter nachprüfen, ob die Unternehmenswerte mit ihren eigenen übereinstimmen und werden bei positivem Ausgang
dieses Vergleichs dem Unternehmen länger erhalten bleiben. Zum anderen kann das Personalmanagement daran seine Strategien und Maßnahmen ausrichten, denn wenn diese im
Widerspruch zu den erlebten Werten stehen, dann ist man unglaubwürdig - was der Mitarbeiterbindung abträglich ist. Einverstanden?
In dem gleichen Aufsatz, der dieses proklamiert, erfahren wir, dass alle Untersuchungen zum Thema "Commitment" überraschend einhellig zu der Erkenntnis gelangt sind, dass
Wertschätzung und Fairness die beiden entscheidenden Faktoren sind, die Mitarbeiter emotional an ein Unternehmen binden. Zyniker könnten jetzt einwenden: Welches Unternehmen
will denn noch seine Mitarbeiter an sich binden? So ganz von der Hand zu weisen wäre eine solche Einstellung wohl nicht. Wer kann denn heute sicher sein, dass das Unternehmen, dem er sich emotional verbunden fühlt, ihm auch morgen noch die Stange hält? Wer geht denn noch davon aus, dass das Unternehmen in der gewohnten Form morgen noch
existiert? Da sollte man es doch lieber gleich ganz lassen mit dem "Retention-Management".
Aber gut, tun wir mal so, als gebe es noch Unternehmen, die daran interessiert sind, dass Mitarbeiter sich bei ihnen gut aufgehoben fühlen (und diese gibt es ja wirklich, wenn
sie wahrscheinlich auch nicht unter den am Kapitalmarkt notierten zu finden sind): Wenn Fairness und Wertschätzung die wichtigsten Werte sind: Wozu dann noch eine umfangreiche Kommunikation von Unternehmenswerten? Letztlich sind diese wohl alle hinfällig, wenn die beiden nicht ernst genommen werden. Zu einfach gedacht?
Dann vielleicht noch ein anderer Aspekt, den wir in der gleichen Ausgabe gefunden haben. Unternehmen sollten ganz darauf verzichten, so etwas wie eine Unternehmensethik zu
veröffentlichen. Warum? Weil diese in der Regel so abstrakt und vorsichtig formuliert sind, dass man sich daran ohnehin mit seinen Maßnahmen und Handlungen kaum orientieren
kann. Schlimmer noch: Man läuft nur Gefahr, gegen sie zu verstoßen und sich dann ganz unglaubwürdig zu machen. Das ist witzig, oder? "Sagen Sie nicht, wofür Sie stehen, dann
kann man Ihnen später auch nicht vorwerfen, entgegen Ihren eigenen Werten gehandelt zu haben!" Stattdessen sollten Schulen und Hochschulen die zukünftigen Berufstätigen dazu
erziehen, eigene Wertvorstellungen zu entwickeln und sich verantwortungsbewusst zu verhalten.
Dagegen ist sicher nichts einzuwenden. Was die Unternehmen betrifft: Könnten sie nicht auch verbindlicher formulieren? Einfach mal zu dem stehen, für das man steht? Da gab es doch mal den schönen Satz: "Walk the talk". Auch zu einfach gedacht?
von
Johannes Thönneßen
|
Publikationen zu diesem Thema: |
|
|
Autor / Titel |
Kurzbeschreibung |
 |
Hansjörg Weitbrecht Mitarbeiter emotional binden PERSONAL (Heft 11, 2005) |
Die Commitment-Forschung hat herausgefunden, dass es vor allem zwei Werte sind, die Mitarbeiter emotional an ein Unternehmen binden: Wertschätzung und Fairness. Wie Unternehmen das glaubwürdig kommunizieren... |
 |
Daniela Lohaus / Wolfgang Habermann Zielvereinbarung statt Unternehmensethik PERSONAL (Heft 11, 2005) |
Viele Unternehmen veröffentlichen Grundsätze oder Leitlinien, die man als Unternehmensethik interpretieren kann. Sinnvoll? Die Autoren raten eher ab... |