| Zielvereinbarungen 2 |
Rolf Bauer war überzeugt, dass nur das, was gemessen werden kann, auch zu managen ist. Diese Erkenntnis hatte er von seinem letzten General Management Kurs mitgebracht, und er hatte beschlossen, seine Abteilung nur noch mit konkreten Kennzahlen zu führen. Aber wieso eigentlich nur seine Abteilung? Rolf Bauer war Trainer der 1. Herrenmannschaft des Fußballvereins seines Ortes, und wo, wenn nicht im Sport, eignen sich Zahlen besonders zur Erfolgsmessung und Leistungssteuerung? Also erklärte er seinem Team, welche Ziele er für diese Saison anzustreben gedachte. Sie waren nicht zu hoch gesteckt, wenn es wie geplant laufen würde, müsste man in diesem Jahr den Aufstieg in die Bezirksliga packen. Dazu waren noch 27 Punkte nötig. Bei noch elf ausstehenden Spielen war die Rechnung einfach. Also brach er die Ziele auf die Heim- und Auswärtspiele herunter und kam zu dem Ergebnis, dass in den sechs Heimspielen 16 Punkte und in fünf Auswärtsspielen 11 Punkte hermussten.
Einmal dabei, berechnete er die Zahl der notwendigen Tore, was unweigerlich zu einer entsprechenden Anzahl von Torschüssen führte, was wiederum eine bestimmte Zahl von Pässen erforderte. Während diese Berechnungen noch relativ einfach waren, erwies sich die Berechnung der notwendigen Abwehraktionen als kompliziert. Durfte er überhaupt Gegentore in die Zielvorgaben aufnehmen? Würde das nicht die Abwehr bereits destabilisieren? Und was, wenn die Gegentore nicht in den gleichen Spielen fallen würden wie die notwendigen Tore? Er beruhigte sich mit der Aussicht, die Zahlen während der Saison noch anpassen zu können - ein Zielsystem solle keineswegs dogmatisch sein, hatte er gelernt, sondern durchaus flexibel.
Die nächste Herausforderung bestand darin, die einmal festgelegten Ziele auf die einzelnen Mannschaftsteile herunterzubrechen. Für den Sturm war das einfach - er musste die Zahl der Tore beisteuern. Doch ganz so einfach war es dann doch nicht: Was, wenn ein Mittelfeldspieler ein Tor erzielte? Oder gar ein Abwehrspieler? In der Abwehr sah es noch schwieriger aus. Zählten hier nur die gewonnenen Zweikämpfe in der eigenen Spielhälfte oder alle? Und wie sollte er die Ziele für den Torwart festlegen? Die Zahl der gehaltenen Schüsse hing schließlich davon ab, wie viele Schüsse auf das Tor die Abwehr zuließ. Rolf Brauer half sich mit der prozentualen Zahl der gehaltenen Torschüsse, wobei er diejenigen, die das Tor verfehlten, nicht mitzählte.
Keine Frage, das Führen mit Zielen war alles andere als leicht. Als noch problematischer stellte sich heraus, das Prämiensystem mit den einzelnen Zielen zu verknüpfen. Was, wenn die Mannschaft ihre Ziele übererfüllte und mehr als die
27 Punkte holte? Und die Stürmer mehr als vereinbarten 22 Tore erzielten? Viel zu verteilen hatte man ohnehin nicht, da musste man schon aufpassen, dass nicht mehr verteilt wurde als im Topf war. Also deckelte er die Prämiensumme.
Rolf Brauer kamen erste Zweifel an dem System der Führung mit Zielen, als seine Stürmer sich im ersten Heimspiel strikt weigerten, einem Mittelfeldspieler in aussichtsreicher Position den Ball zuzuspielen und keine Anstrengungen
unternahmen, einen Zweikampf anzunehmen. Der Einfachheit halber, es war ohnehin schon kompliziert genug, hatte er es bei jedem Spieler bei fünf Zielen belassen. Zweikämpfe zu gewinnen war bei den Stürmern der Reduzierung von
Komplexität zum Opfer gefallen. Nach dem zweiten Spiel musste Rolf Breuer seine Ziele korrigieren, nach drei verlorenen Spielen erklärte er den Versuch für beendet. Die Mannschaft gewann alle folgenden Spiele und belegte den
2.Platz. Rolf Brauer nahm sich vor, das System in der nächsten Saison zu verfeinern. Er hat in seinem letzten Management-Kurs die Balanced Scorecard kennen gelernt.
von
Johannes Thönneßen