| Zwei Gesichter |
"Wissen Sie eigentlich, was dieser Herr Tischbein, den Sie so schätzen,
für ein Chaos in seiner Abteilung anrichtet? Von wegen kooperative
Führung - wenn es drauf ankommt, gilt nur eine Meinung, nämlich seine.
Fragen Sie mal seine Mitarbeiter, die kriegen schon Ausschlag, wenn sie nur seinen Namen hören."
Ich bin verblüfft und schockiert. Herr Tischbein? Ist das der Tischbein, der mit mir im Projekt "Neue Medien" sitzt? Der einzige, der wirklich mal neue Gedanken beisteuert und nicht immer gleich mit Sprüchen wie "das funktioniert doch sowieso nicht" kommt. Der mich massiv unterstützt hat, als alle anderen gegen den Vorschlag waren, den Kreis zu erweitern und die betroffenen Mitarbeiter zu unseren Lösungsansätzen zu befragen. Und mit dem ich so herrlich philosophieren kann über andere Organisationsstrukturen und "bürokratiefreie Zonen".
Kann nicht sein, denke ich, und bin gleichzeitig voller Zweifel. Es ist nämlich nicht das erste Mal, dass ich einen Eindruck von einer Person gewonnen habe und völlig platt bin, wenn ich dann plötzlich das genaue Gegenteil über sie zu hören bekomme. Klar, mir ist nicht neu, dass Menschen mitunter zwei oder sogar mehr Gesichter haben. Und mir ist bewusst, dass der gleiche Mensch in unterschiedlichen Rollen durchaus anders reagieren kann. Aber so sehr anders, dass dahinter völlig gegensätzliche Werte zu stehen scheinen? Kann jemand sehr menschlich, verständig und einfühlsam erscheinen, und in einer anderen Umgebung eiskalt, berechnend und widerwärtig sein?
Wie etwa in dem Beispiel, das ein von mir hoch geschätzter Kollege einmal erzählte. Es ging um eine weithin geachtete öffentliche Person, doch bei der Nennung des Namens verzog er sein Gesicht und ließ keinen Zweifel daran, dass diese Person im persönlichen Umgang extreme Kälte verbreite und Menschen in seinem Umfeld krank mache. Unfassbar für die meisten, die dabei zuhörten.
Dass es Manager gibt, die am Ende ihrer Laufbahn plötzlich von argen Skrupeln geplagt werden und im persönlichen Gespräch plötzlich zu Erkenntnissen kommen wie "Mir ist bewusst, dass ich vielen Menschen das Leben zur Hölle gemacht habe" oder "ich bereue inzwischen, dass ich nur an meine Karriere gedacht und die Menschen vernachlässigt habe", ist mir vertraut, und mein Mitgefühl für sie hält sich in Grenzen. Aber zwei Gesichter oder mehr Gesichter in unterschiedlichen Umfeldern und Situationen?
Eigentlich möchte ich mich darauf verlassen können, dass gewisse Werthaltungen über Rollen, Positionen und Situation erhaben sind. Und ich möchte mich auf mein Urteil verlassen können. Oder sollte man sich, wie die Harvard Business Review in ihrer Ausgabe 10/2004 zur Demaskierung von Psychopathen im Management empfiehlt, selbstkritischer mit dem eigenen Urteil auseinandersetzen und die Meinung anderer Menschen aus dem Umfeld des Betreffenden einholen? Anstrengend...
von
Johannes Thönneßen
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Publikationen zu diesem Thema: |
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Autor / Titel |
Kurzbeschreibung |
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Gardiner Morse Executive Psychopaths Harvard Business Review (Heft 10, 2004) |
Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist jemand in Ihrem Management-Team ein Psychopath. Ein skurriler, aber nicht unmöglicher Gedanke. Und mit 20 Jahren Berufserfahrung in einem deutschen Großunternehmen will Ihr Rezensent dieser Behauptung nicht widersprechen. Aber was ist zu tun? |