| Das Leid mit dem Leitbild |
Im Newsletter Nr. 330 vom 3.8.2004 schrieben wir: Fast jedes Unternehmen hat eins. Bei manchen hängt es auf Plakaten verewigt hinter der Bürotür, bei anderen ruht es als Hochglanzbroschüre in den Schubladen, die meisten haben es zumindest im Intranet veröffentlicht. Die Rede ist vom Leitbild. Es ist inzwischen etwas aus der Mode gekommen, auch wenn es einigen Beratern immer noch gelingt, einen "Leitbildprozess" zu verkaufen. Das Faszinierende daran: Es gibt Unternehmen, da wird ein solches Leitbild tatsächlich gelebt. Sie werden gerne als Beleg dafür angeführt, dass es wichtig ist, ein solches zu formulieren. Was dabei offensichtlich immer gerne übersehen wird: Wenn das Top-Management ein Leitbild lebt, dann schadet es auch nicht, darüber zu reden. Wo keins existiert und erst mit dem Argument, die Mitarbeiter brauchen Orientierung, "implementiert" werden muss, kann man getrost davon ausgehen, dass dem Management selbst offensichtlich die Orientierung fehlt. Und da hilft leider in den seltensten Fällen ein Leitbildprozess.
Dazu gingen folgende Lesermeinungen ein:
Jörg R S Henning (4.8.2005): Liebe Leser! Nein, ein Leitbild ist kein Unfug und es ist auch nicht so, daß es ein "nice to have" ist. Ich habe z.B. mit einem Unternehmen (mit ca. 45 Mitarbeitern) ein Unternehmensleitbild erstellt, das in der Praxis enorme Kräfte freigesetzt hat. Die Kommunikation wurde besser, das Selbstverständnis der Mitarbeiter und einzelnen Gruppen wurde klar und deutlich und das gesamte Unternehmen bekam mehr drive.
Ich weiß heute, daß das auch an der Arbeitsweise gelegen hat. Wir haben mit persönlichen "Leitbildern" und persönlichen Wertvorstellungen begonnen, sind dann zu Abteilungsleitbildern übergegangen und haben am Ende mit der Führungsriege so etwas wie ein Konzentrat erstellt. Alle ! Mitarbeiter waren in den gesamten Prozeß, der 3 Wochen gedauert hat eingebunden. Das Ergebnis war schlicht und einfach schön. Um die Kraft noch einmal zu verdeutlichen: Nachdem das Leitbild verabschiedet war, wurde es gedruckt - aber: man lese und staune! NICHT verteilt. Warum? Ganz einfach, weil es noch nicht in allen Bereichen zu 100% gelebt worden ist. Die Entscheidung, das Leitbild noch nicht zu verteilen, haben im übrigen die Mitarbeiter getroffen. Das nenne ich LEITBILD.
Nebenbei: ich habe selten eine Arbeit erlebt, die so intensiv, so schön und so wirksam war, wie diese. Und die Nebeneffekte, die entstanden, waren einfach nur bemerkenswert.
Mit freundlichen Grüßen, Jörg R S Henning - PerCoa Unternehmensberatung
Absender: jrsh@percoa.de
Eckart Armin Morat (4.8.2004): "Jaja - Psychologen und Management!
Also: Leitbilder existieren immer! Auch wenn sie nicht hinter der Tür
hängen, denn sie werden bewusst oder unbewusst gelebt. Sie haben Recht,
wenn Sie sagen, dass Hochglanzbroschüren dann ihren Wert verlieren,
wenn sich Anspruch und Wirklichkeit nicht decken.
Beispiel: Ein deutscher Chemiekonzern lässt sich mit Hilfe von Psychologen (!) und
Theologen (!!!) ein Leitbild verpassen, das einem die Sprache
verschlägt. Neues Testament soweit das Auge reicht. Monate später
müssen mehrere Hundert Millionen an Strafe für Kartellabsprachen beim
Vitaminhandel bezahlt werden. Der Betriebsrat kann nur mit äußerster
Mühe verhindern, dass dieser Betrag bei der jährlichen Bonuszahlung an
die Belegschaft nicht in der Bilanz angerechnet wird.
Von neueren Fällen wie Esser, Ackermann und Konsorten ganz zu schweigen!
Nichts für ungut!
Mit besten Grüssen
Ihr Eckart Armin Morat
Morat Management-Beratung
Jörg R S Henning (21.9.2005): Nachtrag zum Text von Herrn Morat:
Wenn gar nichts mehr geht, muss es der Glauben richten - und das ist ja auch eine Religion. Bemerkenswert ist für mich allerdings: Theologie ist die Vermittlung des Wortes Gottes. Nur dann würde ein Theologiestudium Sinn machen. Wie man das ablegen und gegen etwas anderes, x- beliebiges austauschen kann, bleibt mir ein Rätsel - zumindest in der Tiefe der Person, die das tut.
Absender: jrsh@percoa.de