| Fehlender Patriotismus? |
Fehlt es uns Deutschen an Patriotismus? hatten wir im Newsletter Nr.329 gefragt. Fühlen wir uns deshalb so schlecht, weil uns der Stolz auf unser Land abhanden gekommen ist bzw. erst gar nicht entstehen konnte? Und krankt daran unsere Wirtschaft? Zumindest tauchen derartige Äußerungen hier und da aus berufenem Munde auf. Ist das einleuchtend? Oder einfach nur ein Beispiel, wie man vom Thema ablenkt: Seid doch wieder stolz auf euer Land, dann klappt es auch mit der Wirtschaft. Wetten, es lassen sich unzählige Nationen auflisten, in denen der Nationalstolz blüht und die Wirtschaft welkt? Eine überflüssige Diskussion?
Die Antworten unserer Leser:
Holger Brands (30.7.2004): Ich bin der Meinung, dass der Nationalstolz allgemein in Deutschland seit den 80´er Jahren stark angewachsen ist. Indizien dafür sind die vielen deutschen Fahnen bei Fußballspielen und anderen offiziellen Anlässen, Diskussionen darüber in der Politik uvm. Ich finde es auch richtig aus historischen Gründen, dass wir uns mit diesem Thema schwerer tun als andere Länder.
Im Unterschied dazu hat der Nationalstolz der Wirtschaft abgenommen. Früher drückte sich dieser Stolz im "made in Germany" aus und war damit auch Identifikationspunkt für Unternehmer und Beschäftigte. Im Zeitalter der Globalisierung wird das von großen deutschen Unternehmen als unpassend empfunden und wird dann eben zum "made by BMW" usw. Böse Zungen behaupten deshalb auch, dass das letzte gemeinsame Identifizierungemerkmal die DM war und die gibt`s nun auch nicht mehr...
Olaf Hinz (29.7.04): Ich denke nicht, dass "Stolz auf das Land" das Thema ist. Einen gesunden Stolz auf Leistung oder Vollbrachtes wünsche ich mir allerdings schon. In meiner Beratungspraxis erlebe ich bei Kunden fast immer den Reflex, zunächst auf das Negative (die Schwächen & Probleme) zu reflektieren. Immer werden Probleme bearbeitet, Schwächen aufgedeckt und versucht diese abzumildern. Als Nutzer von MWonline wissen wir doch aber, dass Fortschritt & Veränderung aus einer Defizitorientierung kaum zu leisten sein wird.
Und wenn ich dann manchmal mit Methodik versuche, das Positive einer Organisation, eines Teams oder einer Person herauszuarbeiten, dann höre ich schon mal den Vorwurf der "Gesundbeterei". Schade.
Aber nun will ich selbst nicht negativ werden und erinne mich an ein gestriges Gespräch mit einer Kollegin aus einem angelsächsischen Konzern in dem sie sagte: "The germans have problems, we have issues". Und genau diese Einstellung wünsche ich mir mehr.
Andreas Iburg (29.7.2004): Fürwahr "eine überflüssige Diskussion".
Alexander Brauer (27.7.2004) Meiner Meinung nach ist das Thema zweifach zu deuten. Zum einen muss man tatsächlich erst einmal auf den Absender der Message schauen. Und hier gibt es, gelinde gesagt, momentan keine einzige Identifikationsfigur auf dem politischen und sehr wenige auf dem wirtschaftlichen Parkett, der ich dieses Postulat abnehmen würde.
Zum anderen wäre es mir jedoch auch lieber, wenn wir insgesamt deutlicher
werden würden: In Sachen Autorität, in Sachen Konsequenz, Fleiß und Leistung
- mit der Bereitschaft, über das eigene Ego hinaus etwas für die Gemeinschaft in Deutschland zu tun. Das wäre auch gleichzeitig meine Definition von Patriotismus.
Und hier bedarf es sicherlich auch eine Portion Stolz auf das, was uns
ausmacht - damit man das vorher beschriebene auch gern wieder tut. (Ich war es
übrigens neulich bei einem Besuch in Weimar und Wittenberg.) Müßig die Bemerkung - typischerweise für uns fast schon wieder rechtfertigend - dass es nicht in Arroganz oder gar Nationalismus ausufern darf. Bei einem gesunden Ego allerdings auch unwahrscheinlich.
Kurzum, ja, ich bin auf bestimmte Leistungen Deutschlands stolz und ärgere
mich umso mehr über die ständige Diskussion, ob wir es schon wieder sein
dürfen. Ich bin auch bereit, etwas mehr für dieses Land zu tun, als es dass
Gesetz vorschreibt - allerdings mehr auf sozialer als auf militärischer
Ebene. Eine hoffentlich etwas gesündere Form des Patriotismus.
Bin sehr gespannt auf die anderen Beiträge zu dem Thema.
Herzliche Grüße
|
Publikationen zu diesem Thema: |
|
|
Autor / Titel |
Kurzbeschreibung |
 |
Henrik Müller Verdrießlichkeit und Recht und... Manager Magazin (Heft 07, 2004) |
Das kollektive Jammern über die deutsche Situation im allgemeinen und im besonderen ist auch in der Presse allgegenwärtig. Und es fällt schwer, sich dieser Depression zu entziehen. |
 |
Hemjö Klein (im Interview mit Gabriele Fischer und Wolf Lotter) Die Freiheit zu dienen brand eins (Heft 06, 2004) |
Wir Deutschen sind vollkommen auf die Produktion industrieller Güter konzentriert, eine mentale Fehlorientierung. Wir müssen wieder lernen zu dienen. Aber wie? |