myMWonline Blog Seminare Marktplatz Redaktion
Sitemap
  Unwort des Jahres

 Themen im Fachforum  ::   Unwort des Jahres


In unserem Newsletter Nr. 352 vom 25.1.05 hatten wir geschrieben: "Das tut weh: "Humankapital" wurde zum Unwort des Jahres gekürt. Das passt zu einem Beitrag aus der managerSeminare, in dem Arie de Geus vorgestellt wird. Der ehemalige Leiter der strategischen Planung bei Shell sieht als Hauptgrund für das Scheitern von Unternehmen eine rein ökonomische Sprache und Denkweise. Gewinn ist zwar notwendig wie für den Menschen der Sauerstoff zum Leben, aber er ist nicht der Sinn eines Unternehmens.
Tragisch ist, dass die Vertreter des "Humankapitals" ja gerade dem Menschen mehr Stellenwert einräumen wollen. Dumm nur, dass sie sich dabei der Sprache der Ökonomie bedienen. Damit haben sie sich offensichtlich keinen Gefallen getan. Ein klassisches Eigentor?


Gunther Wolf (7.8.2005): Sollten wir auch noch darüber nachdenken, ob wir nicht auch "HR" und "Human Resource" zu Unwörtern küren wollen? Sie hätten es vielleicht viel eher verdient als der gewählte Begriff, denn "(Human) Ressourcen beutet man aus, bis sie aufgebraucht sind. (Human) Kapital hegt, pflegt und vermehrt man" (Böhme, 2005). Leider verlagert sich die aktuelle Diskussion hin zu einem lediglich für Sprachwissenschaftler interessanten Themenfeld. Hier mitzureden, liegt mir fern.

Ich rede lieber dort mit, wo das Thema hingehört: im Themenfeld Wirtschaft. Ich werde kurz erläutern, warum ich den Humamkapital-Ansatz für einen (nicht nur für Personaler) interessanten und zu überdenkenden Ansatz halte:
Was bei Profisportlern gang und gäbe ist, müsste doch auch für Unternehmen von besonderem Interesse sein: festzustellen, was die Mannschaft und die einzelnen Akteure für das Unternehmen wert sind. Aufgrund des einen oder anderen erlittenen Schiffbruchs bei Übernahmen und Börsengängen beginnt diese Perspektive langsam bei der Bewertung ("HR Due Dilligence") von Unternehmen eine gewisse, die anderen Daten sinnvoll ergänzende Bedeutung anzunehmen.
In einigen Branchen dürfte dies sogar die maßgebliche Größe für die Feststellung des Unternehmenswertes liefern (eben überall, wo das Wissen, Können und Wollen in den Köpfen und Herzen für den Unternehmenserfolg maßgeblich ist). Würden Sie tatsächlich, sollten Sie irgendwann einmal zur Krönung Ihrer Karriere ein HR-Beratungsunternehmen als Nachfolger übernehmen wollen, dessen Wert an Hand von vorhandenen PC´s, Stühlen und Schreibtischen ermitteln? Sicher nicht. Sie wollen die angestellten Berater kennen lernen und deren Know-how einschätzen. Sie werden deren Netzwerke prüfen und bewerten, oder die Intensität der Kundenbindung.

Für die Ausprägung des Humankapitals ist entscheidend, ob das Personal bedarfsgerecht und zukunftsorientiert qualifiziert und motiviert ist, und ob hierfür solide Personalarbeit geleistet wurde und wird. Es gibt viele Möglichkeiten, den Unternehmenswert bzw. Gewinnbeiträge zu bestimmen - entsprechend ist die Bestimmung des Wertes von Personal und Personalarbeit auszurichten. Vereinfacht können (nach Scholz / Stein / Bechtel, 2004) folgende Ansätze unterschieden werden :
  1. Marktwertorientierte Ansätze: was ist die Kompetenz am Markt wert?
  2. Indikatorenbasierte Ansätze, z. B. die HR Scorecard (HR-BSC) oder der Intellectual Capital Index
  3. Value Added-Ansätze, prominent: EVA® bzw. Human EVA
  4. Ertragsorientierte Ansätze, allen voran der ROI of Human Capital (HCROI)
  5. Integrative Ansätze, z. B. die Saarbrücker Formel
Wenn Unternehmen zunehmend ihr Humankapital bewerten bzw. ihr Humanvermögen bestimmen, so werden hiermit weitere strategische Kenngrößen entstehen. Diese könnten etwa aus wettbewerbsstrategischer Sicht eine Markteintrittsbarriere bilden, sich als ergänzendes Erfolgskriterien für Corporate Governance einbringen, die Employability-Bestrebungen entscheidend fördern und vieles mehr.

Wahrscheinlich wird das Humankapital-Konzept dazu noch einiges Licht in das Dunkel ethisch zweifelhafter und wertvernichtender Management-Entscheidungen bringen. Wird heute noch selbst bei wenig zielgerichtetem Personalabbau die erzielte Kostenreduzierung weitgehend als positiv beurteilt, würden künftig Stakeholder zunächst einmal nach der damit einhergegangenen Wertminderung des Humankapitals fragen.

Die Verpflichtung zur Zahlung von Transfer- und Ablösesummen beim Arbeitgeberwechsel wäre eine heute kaum denkbare, aber logische Konsequenz dieser wert- bzw. kapitalorientierten Betrachtungsperspektive. Also: es könnte noch sehr spannend werden!


Stephan Link (31.1.05): Meiner Meinung nach sollte man die Tatsache, dass das Wort "Humankapital" zum Unwort des Jahres gewählt wurde, nicht überbewerten. Auf gar keinen Fall sollte man jetzt schnell nach einem sprachkorrigierten Ersatz suchen.
Die Frage ist doch auch, wer kürt das Unwort unter welchen Umständen.... Ohne jetzt pauschal den Germanisten und Publizisten auf den Schlips treten zu wollen: manche haben halt immer noch eine "antikapitalistisch angehauchte" Denke als Überbleibsel aus den 68ern und wirken fern vom tatsächlichen Geschehen in Unternehmen und Personalabteilungen. Außerdem müssen die Unwörter in alter Manier immer medienwirksam, skandalheischend und sozialadvokatisch verkauft werden.... .
Fallunterscheidung:
1. Diejenigen Bürger und gerade die jungen Leute, die schon mal mit dem Begriff konfrontiert wurden, haben aber aus meiner Sicht kein Problem mit dem Wort Kapital, sind an den Umgang mit neuen Wortschöpfungen gewohnt und können sehr wohl differenzieren.
2. Wer nicht unter 1. fällt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit so gut wie nicht nennenswert bewusst mit dem Begriff konfrontiert worden und stört sich nicht regelmäßig an Wörtern, die nicht in seinem Sprachgebrauch vorkommen.
Ergebnis: frei nach Shakespeare: "much ado about nothing" oder "bad publicity is good publicity".


Walter Duerr (28.1.2005): "Ja, Eigentor? Mit ein bisschen mehr Einfühlungsvermögen hätten die deutschen Vertreter sich schon besser positionieren können. Aber vielleicht war der akademische Impetus stärker als die Bodenhaftung. Wie heißt doch die Maxime der Personalentwickler: Die Menschen "abholen" und "mitnehmen"…. (In diesem Falle dann die Sprachforscher und –bewerter). Wenn man es (zu) wörtlich nimmt, wird wirklich ein kalter, rein materialistischer Begriff daraus. Und ohne den Willen, es besser zu verstehen, kommt halt nix anderes heraus. Wenn man den Begriff etwas freier versteht, wird aus Kapital "Vermögen". (oder wenn´s fehlt: Un-Vermögen).

Unabhängig von Begriffen: Für die Bewertung durch die Menschen entscheidend ist aber doch, was bei ihnen im Arbeitsalltag davon ankommt. Und sich hinter schönen Konstrukten zu verstecken, um dann wie bisher sein Personal zu managen, macht letztlich unglaubwürdig. Meine ganz simple Erfahrung in der Praxis ist, dass die Mitarbeiter vieles mitmachen und akzeptieren, wenn sie merken, dass sie ernst genommen werden."


Alexander Brauer (26.1.05): "Wir sollten die Sprachspiele und -stile nicht übertreiben. Es gibt momentan nun wirklich "ichtigeres zu tun. Und als Unwort des Jahres ist o.g. Begriff nun wirklich nicht geeignet. Warum tauchen nicht andere Begriffe auf, die wesentlich mehr den Blick verschleiern. Genannt seien Beispiele "friendly fire" oder "Kolateralschaden"?
Darüber hinaus empfinde ich weder den Begriff "Human" noch das "Kapital" als sonderlich kritisch. Mit gnädigem Blick kann man sogar etwas Wertvolles daraus lesen. Also, lassen wir die Kirche im Dorf und wenden unseren Blick auf die Stellen, die wirklich verachtend mit Menschenleben umgehen."


Olaf Hinz (26.1.05): "Nach Meinung der Jury degradiert der Begriff die Menschen in den Betrieben und reduziere sie auf eine nur noch ökonomisch interessante Größe. Das Gegenteil ist der Fall - und die "Preisverleihung" ein sehr guter Augenblick, um diese als Chance zu nutzen und das Thema im Management weiter voranzutreiben?!

Personalarbeit mit dem "Vehikel" der Sprache des Finanzmarktes ist notwendig, um die Bedeutung des menschlichen Faktors für den Unternehmenserfolg wieder stärker in das Bewusstsein von Entscheidern zu rücken. Was Unternehmenslenker oft verkennen, ist, dass die Mitarbeiter nicht nur Ressource, sondern die wichtigste Quelle für Erfolg und Wertschaffung der Unternehmen sind, d.h. das eigentliche "Kapital" im Sinne von Vermögen der Unternehmen. Denn Kapital ist wertvoll, trägt Zinsen und soll vermehrt werden.
viel Spaß beim Nachdenken, Diskutieren und…. … bei der Verzinsung Ihres persönlichen Vermögens in diesem Jahr…."


Peter Fröschl (26.1.05): "Um als Revolutionär erfolgreich zu sein, müsse man sich wie ein Fisch im Wasser bewegen. So, oder zumindest so ähnlich, hat sich Mao Tse Tung geäußert. Mao ist ja nun nicht hochverdächtig ein Vertreter des "Kapitals" zu sein. Dennoch lässt sich seine Metapher problemlos auf die Begrifflichkeit "Humankapital" im Kontext Wirtschaftsleben übertragen. Im Ökotop Wirtschaftsleben (Maos Wasser) wird es, um Gehör zu finden, sinnvoll sein, eine Sprache (Maos Fische) zu verwenden, die dort verstanden wird.
Betrachte ich das "Unwort" des Jahres Humankapital fällt mir zunächst auf, dass es aus zwei Substantiven zusammengesetzt ist. Human und Kapital. Das Wort "Human" bezeichnet schlichtweg den Menschen. Dieses Wort scheint mir weder einer rein ökonomischen Denkweise zu entspringen, noch lässt es allzu viel Spielraum für negative Konnotationen. Schwieriger ist wohl das Wort Kapital. Aus einer unreflektiert marxistischen Sichtweise heraus mag es negative Assoziationen hervorrufen, wobei der Marxismus wohl eher die ungerechte Verteilung dieses Produktionsmittels kritisiert und nicht sein Sein als solches. Kapital ist für ein Unternehmen eine ökonomische Notwendigkeit und sein Vorhandensein dürfte in der Regel positiv bewertet werden. Spricht man mit einem Häuslebauer, so wird auch dieser über den Besitz von Kapital nicht unglücklich sein. In Wortverbindungen bezeichnet Kapital in der Regel etwas großes, bedeutsames, wertvolles. Selbst in dem Wort Kapitalverbrechen bezeichntet Kapital nur die Größe und relative Bedeutsamkeit. Unterhält man sich mit einem Angler oder Jäger, werden beide eine kapitale Beute bevorzugen.

Deshalb halte ich das Wort Kapital für unverdächtig und in der Zusammensetzung mit Human für durchaus geeignet die Bedeutung des menschlichen Faktors im Wirtschaftsleben zu beschreiben.
Ich glaube, dass das Problem wie so häufig im Auge des Betrachters liegt und dass sich diejenigen, die Humankapital zum Unwort des Jahres gekürt haben, durch bei ihnen vorhandene subjektive negative Assoziationen haben (ver)leiten lassen.
Ob es nun zur Beschreibung des durch Humankapital Gemeinten nicht elegantere Formulierungen gibt, sei dahingestellt. Aber um einen Schönheitswettbewerb ging es ja wohl nicht."


Jürgen Fischer (26.1.05) "Wenn das kein Eigentor von MWonline ist. Als Reaktion auf diese merk- bzw. denkwürdige Verleihung erschienen Reaktionen von wirklich kompetenten Wissenschaftlern in der FAZ. Zur Lektüre und Weiterverbreitung empfohlen.
Das Problem liegt wohl eher in der mangelnden Kenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge, so wie sie auch von Hans-Werner Sinn in seinem Buch (Ist Deutschland noch zu retten) angeprangert wurden."


Matthias Goetzke (25.1.05) "Humankapital ist zurecht als Unwort des Jahres gewählt worden. Nach Managern, die sich bereichern, nach dem egoistischen Machtstreben in den hohen Führungsetagen, nach einem wirtschaftlich guten Betriebsergebnis und dennoch Massenentlassungen - die Gesellschaft wäre nicht mehr in Ordnung, wenn das keinen Buhmann gefunden hätte.
Das Wort steht (zum Leidwesen aller engagierten) für die Abzocke von ganz oben. Aus diesen Mündern wurde "Humankapital" verbreitet und hat seinen Weg in Quartalsberichte und Aktionärsversammlungen gefunden. Nun steht es als Unwort für die generelle Verlogenheit, die wahrgenommen wird.

Selbstverständlich sind nicht alle Manager korrupt, es geht um die schwarzen Schafe. Doch der Berufsstand war 2004 eben in der Schusslinie und aus diesen Mündern kam jene Wortschöpfung. Die gefühlte Lüge an die Nation macht sich in diesem Wort breit: "Ihr seid nicht für uns, ihr wollt uns nur abzocken, ihr pfeift aus unser Wohlergehen".

Die Chance ist, 2005 die Dinge besser zu machen. Das wünsche ich dem gebeutelten Berufsstand, damit man in Deutschland auch wieder mit Stolz und Würde sagen kann "ich bin Manager - und stolz darauf".
 

Ihre E-Mail-Adresse:


Sicherheitscode: