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  296. Anfrage vom 27.07.2007

 Anfragen  ::   296. Anfrage vom 27.07.2007


Wie komme ich mit 40 und ohne bisherige Erfahrung in den Bereich "Personalentwicklung"?

Ich bin Psychologin, habe bisher keine "offizielle" Erfahrung im Bereich HR/Personal und möchte zukünftig im Bereich Personalentwicklung, (Führungskräfte-)Coaching, ggf. Recruiting arbeiten. Wie komme ich mit 40 und ohne bisherige Erfahrung da rein?
Bisher habe ich als Psychologin mit chronisch psychisch Kranken und mit Jugendlichen in der Heilpädagogik gearbeitet. Als Selbstständige befasse ich mich mit Schüler- und Familiencoaching (Konzept, Schulungsmaterial für unsere Coaches, Auswahl, Schulung und Supervision der Coaches). Da habe ich also "selbstgebastelte" Erfahrung, habe mich selbst in den Bereich Bewerbermanagement, Auswahl, Eignung, Coaching (aber sicher nicht auf einem für große Firmen ausreichenden Niveau!) etc. reingearbeitet, finde mich auch geeigent dafür - aber ich habe keinerlei offizielle Ausbildung, kenne auch nicht die gängigen Methoden/Instrumente und Vorgehensweisen in großen Firmen.

Generell also die Frage: wie kann ich vorgehen, um da reinzukommen -oder ist das aussichtslos?
Konkretere Fragen: gibt es gute, praxisorientierte Bücher zu den Themen (die Literatur zu meiner ABO-Prüfung war eher grundlegend als praxisorientiert...) Personalentwicklung, Coaching, Recruiting etc.?
Welche Instrumente / Tests etc. sind die gängigen - in großen Firmen, aber auch von freien Anbietern?
Da gerade viele Zeitarbeitsfirmen Mitarbeiter suchen: wäre auch eine solche Arbeit eine Einstiegsmöglichkeit?
Ich würde mich über Antworten freuen.

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:

- Keine Praxiskenntnis des Bereichs
- ein Praktikum ist nicht möglich (zu alt, werde nicht genommen da ich keine Studentin mehr bin, wäre auch nicht finanzierbar).
- Momentan nicht die finanzielle Möglichkeit, Ausbildungen zu machen.



Die Antworten der Coachs:

Sandra Heinzelmann: Ich hatte beim Lesen Ihrer Thematik eine spontane Idee, liebe Anfragerin: Schlüpfen Sie doch einmal aus Ihrer eigenen Haut als Fragestellerin heraus und setzen Sie sich in Gedanken sich selbst gegenüber. Es ist natürlich eine Herausforderung, sich selbst sozusagen mental zu „klonen“. Stellen Sie sich bitte jetzt vor: Sie sitzen sich als Ihr eigener Coach gegenüber. Welche Fragen stellen Sie in Ihrer Rolle als Coach an die Psychologin, die als Coach arbeiten will? Und welche Antworten gibt diese dann? Was geht Ihnen in dem Moment selbst durch den Kopf, wenn genau diese Fragen, die Sie stellen, von außen an Sie als Coach herangetragen werden? Spüren Sie auch Skepsis? Haben Sie Zweifel an der Realisierbarkeit des Vorhabens, wenn ja, in welchen Punkten? Wie äußern sich diese Zweifel? Welche Ideen, Assoziationen und Phantasien haben Sie zu der Fragestellerin und ihrem Thema, wenn Sie von außen darauf schauen? Welche Themenfelder identifizieren Sie und wie ordnen Sie diese ein oder zu? Ist dieser Perspektiven-Wechsel für Sie (gut) nachvollziehbar? Perspektivenwechsel sind eine wichtige Intervention im Coaching. Jetzt schlüpfen Sie in Gedanken bitte wieder zurück in Ihre eigene Haut als Anfragerin.

Sie haben Ihre Anfrage an ein Coaching-Team gestellt. Haben Sie bereits Ihre eigenen Pläne für Ihr Vorhaben – Plan A und B, vielleicht noch Plan C - in der Schublade? Wollen Sie die Antworten der Coachs abgleichen, vergleichen und sich dann für das in Ihrem Falle optimale Vorgehen entscheiden? Oder ist es so, dass Sie auf Antworten warten, die Sie dann so oder ähnlich umsetzen wollen, weil Profis es Ihnen geraten haben? Coaching ist in meinen Augen genau das Gegenteil von "Umsetzen, was der Coach mir sagt" - getreu dem Motto: "Ratschläge sind auch Schläge". Coaching ist für mich die Stimulanz der Eigenverantwortlichkeit und das Suchen nach passenden, individuellen Lösungen. Sie suchen und Sie finden diese Lösungen. Der Coach unterstützt Sie genau dabei. Warum ich das schreibe? Ich hatte beim Lesen die Wahrnehmung, dass Sie sich ein Rezept wünschen. Stimmt das?

Was ich Ihnen gerne anbiete, sind Fragen. Diese Fragen haben natürlich Ihren Ursprung auch in meiner eigenen Person und meinen Werten, Vorstellungen und Prämissen. Meine persönlichen Prämissen sind sehr klar, wenn es um das Thema Coaching geht. (Es kann gut sein, dass sie Ihnen missfallen.) Ich bin der Überzeugung: Professionelles Coaching gibt es ohne Wenn und Aber nur mit einer entsprechenden professionellen Ausbildung. Sich die Inhalte einer solchen Ausbildung über Bücher anzueignen, ist in meinen Augen wegen der fehlenden Interaktion unrealistisch. Was mich dazu bringt, das zu schreiben? Meine Coaching-Ausbildung und meine Erfahrungen. Trainieren, Feedback und Trainieren, Trainieren, Trainieren sowie Selbsterfahrung als Klient und Beobachter sind für mich ein Muss. (Wer mich kennt, weiß, dass "Muss" in meinem Wortschatz bewusst extrem selten vorkommt.) Coaching ohne das vorherige Lernen und Trainieren - auch und gerade von Interventionstechniken und Tools - ist für mich wie Backen ohne Teig.
Eine meiner Hauptfragen an Sie lautet daher: Was können Sie tun, um Geld für eine Ausbildung zu sparen und/oder dazu zu verdienen?

Noch etwas: Hatten Sie beim Lesen meiner Antwort die Wahrnehmung, dass ich emotional beteiligt bin? Ja, das stimmt. Ich habe es bewusst transparent gemacht. Beim Lesen der Anfrage habe ich Emotionen bei mir selbst entdeckt und auch die Gedanken dahinter identifiziert. Dies ist ebenfalls ein sehr wichtiges Thema im Coaching: eigene Betroffenheiten, Stolpersteine oder Themen zu erkennen und aus dem Prozess mit den Klienten herauszuhalten.

Ich persönlich wünsche Ihnen, dass sich Geldquellen für Sie öffnen, mit denen Sie sich eine professionelle Ausbildung ermöglichen. Alles Gute für Sie und Ihren weiteren Berufsweg.


Marion Mirswa: Vielen Dank für Ihre direkte Frage. Die Entscheidung, Ihre Anfrage zu beantworten, ist mir etwas schwer gefallen. Der Grund: Ich sehe Ihr Anliegen eher im Bereich Berufsberatung als im Coaching. Doch ich möchte es gerne versuchen und Ihnen die ein oder andere Überlegung mitteilen. Beispielsweise: Wie ist bei Ihnen die Idee entstanden, in die Personalentwicklung zu gehen? Was versprechen Sie sich davon? Versuchen Sie sich bitte einmal von der Vorstellung der geeigneten Laufbahn zu lösen. Was bringen Sie mit, das Sie zu dieser Tätigkeit befähigt? Wo liegt der Wert für ein Unternehmen, wenn es Sie als Psychologin einstellt? Was könnten Sie eventuell von Ihren Erfahrungen übertragen auf Unternehmen? Wo liegen Parallelen zu ihrer bisherigen Klientel? Was sind Sie bereit, dafür zu tun?

Zur Methode: Es gibt mittlerweile Praktikanten jeden Alters. Was macht Sie so sicher, dass Sie nicht genommen werden? Ich würde mir eine Mindestanzahl an Unternehmen vornehmen, bei denen ich Anfrage und versuche den/die LeiterIn zu sprechen. Ich würde fragen, welchen Rat sie mir geben können und welchen Weg es in ihrem Unternehmen dazu geben kann. Eine andere Möglichkeit wäre, bei Organisationsentwicklern anzufragen.

Zu Tests, Instrumenten, Literatur kann ich keine Empfehlung geben. Doch gibt es genügend Personal- bzw. HR-Portale oder Foren, in denen einige vorgestellt oder diskutiert werden. (Hier ein Beispiel: http://www.hrm.de) Außerdem könnten Sie sich auf Messen oder bei den entsprechenden Verbänden informieren. Haben Sie die Möglichkeit, online zu recherchieren? Wenn nicht, gibt es vielleicht eine Unibibliothek oder Stadtbücherei, ansonsten ein Internet-Café. Vielleicht gibt es bei Ihnen in der Nähe, einen Studiengang Personalwesen, so dass Sie hier die Bibliothek nutzen können.
Zu Zeitarbeitsfirmen: Versuchen Sie es. Eine Möglichkeit wäre, sich bei diesen als Mitarbeiterin zu bewerben, eine andere, sich als zu Vermittelnde zu bewerben. Dann können Sie von diesen eine Markteinschätzung bzw. eine Beratung erhalten. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf Ihrem Weg.



Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 
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