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  297. Anfrage vom 19.09.2007

 Anfragen  ::   297. Anfrage vom 19.09.2007


Soll ich den Aufhebungsvertrag annehmen oder gegen den Willen der Geschäftsführung im Job verharren?

Zunächst grundsätzlich zu meinem beruflichen und privaten Hintergrund: Ich bin 30 Jahre alt, habe an der Universität Diplom-Germanistik, Journalistik und Psychologie studiert und später während eines Abendstudiums noch Praktische Betriebswirtschaft. Ich arbeite seit sieben Jahren in einer Mediaagentur als Mediaplanerin. In dieser Zeit habe ich auch zwei Kinder bekommen, 4 und 2 Jahre alt. Seit vier Jahren arbeite ich in Teilzeit mit 20 Stunden. Meine Elternzeit läuft noch weitere neun Monate bis zum dritten Geburtstag meines zweiten Kindes, auch danach läuft mein Arbeitsvertrag unbefristet auf 20 Stunden weiter.

Nun zu meiner konkreten Situation:
Meinen Beruf mag ich auf einer inhaltlichen und fachlichen Ebene sehr gern und ich mache ich nach eigener Einschätzung und verschiedenen Rückmeldungen von Kunden, Kollegen und Vorgesetzten auch überdurchschnittlich gut. Mein unmittelbares Umfeld im Team ist angenehm und ich gehe gerne täglich zur Arbeit. Davon abgesehen, fühle ich mich in der Agentur überhaupt gar nicht wohl. Vor einigen Jahren gab es einen schlimmen (Rechts-)Streit mit der Geschäftsfühurng, an dem in verschiedenen Stadien alle Führungskräfte des Standortes beteiligt waren. Seitdem bekomme ich in der Firma kein Bein mehr auf den Boden. Ich werde nicht gehört, nicht ernst genommen, nicht gefördert oder gar befördert. Mir sind die Prozesse im Hintergrund natürlich nicht ganz klar, aber ich glaube, ohne Überteibung sagen zu können, dass ich von ganz oben mundtot gemacht bzw. im ganzen Haus verleumdet wurde.
Vor kurzem ist mir von der Geschäftsführung offiziell die Trennung angeboten worden - also eine Auflösung des Arbeitsverhältnisses in gegenseitigem Einvernehmen auf Basis einer Abfindung. Ich bin darauf zunächst nicht eingegangen, weil ich große Schwierigkeiten darin sehe, eine vergleichbare oder bessere Anschlussbeschäftigung zu finden.

Ich habe nun zwei Teilfragen zu dieser Situation:
Erstens: Man kann vermutlich mittlerweile ohne allzugroße Zweifel von Mobbing sprechen. Das ist kein Mobbing im täglichen Abeitsprozess, sondern eher ein Mobbing von ganz oben, bei dem mir offen gesagt und gezeigt wird, dass ich als Mitarbeiterin im Haus nicht mehr erwünscht bin. Ist damit im Rahmen der Fürsorgepflicht des Arbeitsgebers meine seelische Gesundheit noch gewährleistet? Ist es für mich zumutbar, unter diesen Umständen auch weiterhin meiner Tätigkeit nachzugehen?

Und zweitens: Wie kann ich diese Situation langfristig lösen? Auch wenn ich immer wieder meine Gesprächsbereitschaft und die Bereitschaft zu Veränderungen signalisiert hab, gibt es von der Geschäftsführung her kein Interesse. Dort ist entschieden worden, dass ich gehen soll, und bis dahin einfach "kaltgestellt" bin. Ich habe aber nicht die Kraft, die Energie, kaum die Zeit und vermutlich auch nicht die innere optimistische Haltung, um in dieser Situation nach einer neuen Stelle zu suchen. Ist es vorstellbar, meinem Arbeitgeber Outplacement als Lösung vorzuschlagen? Mit einer Abfindung allein ist mir nicht gedient, da ich mir keine Illusionen über meine Chancen in Teilzeit auf dem Arbeitsmarkt mache. Vollzeit zu arbeiten oder etwa gar nicht zu arbeiten, sind für mich nicht vorstellbar, und da ich in einem unbefristeten Teilzeit-Arbeitsverhältnis stehe, möchte ich, dass das auch weiterhin so bleibt.

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:

Das größte Hindernis ist, dass ich meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt quasi bei null einstufe. Meiner Ansicht nach gibt es de facto keinen Arbeitsmarkt für Teilzeitkräfte, zumindest nicht im Bereich Agenturen, Medien & Marketing. Da ich großen Wert darauf lege, auch weiterhin unbefristet in Teilzeit angestellt zu sein, möchte ich mein derzeitiges Arbeitsverhältnis nicht ohne neue Stelle auflösen. Aber wie komme ich an diese Stelle? Und wie überbrücke ich die schwierige Situation in der Firma?

Die Antworten der Coachs:

Reinhard Fukerider: Danke für Ihre brisante Anfrage, auf die ich folgenden Antwortversuch wage:
Ich habe verstanden, dass Sie Ihren Job gerne machen und Sie das Klima zwischen den KollegInnen im Team als angenehm einschätzen. Sie haben das Gefühl, ein Bossing-Opfer zu sein, d.h. man hat versucht, Sie kalt zu stellen. Klärungswünsche Ihrerseits sind gescheitert. Gleichzeitig haben Sie – aus welchen Gründen auch immer – das klare Signal bekommen, einem Auflösungsvertrag zuzustimmen. Und Sie haben Angst, arbeitslos zu werden.

Dass Sie sich hilflos fühlen und nach einem konstruktiven Ausweg aus dieser misslichen Lage finden wollen, kann ich ganz gut nachvollziehen.
Inwieweit Sie die momentane Situation seelisch noch aushalten, kann ich Ihnen jedoch nicht beantworten. Achten Sie auf die Signale Ihres Körpers, dann kommen Sie diesbezüglich einer Antwort näher. Ebenso kann ich die Lage auf dem Arbeitsmarkt und die Chancen für Ihre Berufsgruppe mit Teilzeitbeschäftigung nicht beurteilen.
Mein Vorschlag für Sie ist: Investieren Sie in eine juristische Beratung bei einem erfahrenen Fachanwalt für Arbeitsrecht, der Ihre Situation beleuchtet und Ihnen mit Sicherheit Verhaltensempfehlungen geben wird, wie Sie sich mit möglichst großem eigenen Vorteil aus diesem – aus meiner Sicht – zerstörten Arbeitsverhältnis lösen können. Vertrauen Sie auf seine Empfehlungen, denn ein zu frühes Bewerben für einen andern Job kann u.U. taktisch unklug sein. Außerdem kann möglicherweise die Zustimmung zu dem Auflösungsvertrag ohne eine ordentliche Kündigung zu Schwierigkeiten beim Arbeitslosengeld führen. Sie sehen, es gibt da Vieles zu bedenken!

Wenn Ihre Firma Sie loswerden will, wird Sie sich das i.d.R. auch etwas kosten lassen, vor allem dann, wenn ein Arbeitsgerichtsverfahren verhindert werden kann.
Wenn Sie die juristische Beratung hinter sich haben, können Sie Ihr weiteres Vorgehen bestimmen. Dann werden Sie auch Antworten auf die von Ihnen gestellten Fragen finden. Da bin ich mir ziemlich sicher!

Noch zwei Tipps zum Schluss:
Nehmen Sie zu dem Gespräch mit dem Rechtsanwalt eine Person Ihres Vertrauens mit. Vier Ohren hören mehr als zwei!
Suchen Sie sich einen konstruktiv-kritischen ‚Berater’ aus Ihrem Freundeskreis oder einen professionellen Coach, der Sie stützt und mit Ihnen gemeinsam die nächsten Schritte überdenkt.
Wünsche Ihnen viel Kraft für die kommende Zeit und ggf. auch den Mut, von einem toten Pferd abzusteigen!


Dr. Tilman Kiehne: Sie haben da eine Anfrage vorgetragen, bei der ich ernsthaft zweifle, ob ein (einmaliges! ohne Rückfragemöglichkeit!) Online-Coaching genügt. Ich empfehle Ihnen daher gleich zu Beginn zunächst, über ein Coaching mit einem lebendig reagierenden und agierenden Gegenüber nachzudenken; und ich bitte Sie, die nun trotzdem folgende Antwort unter diesem Vorbehalt zu lesen.
Wäre ich dieses Gegenüber, würde ich zunächst nachfragen, wo in Ihrer Überlegungen der Rest Ihrer Familie steht (Sie, zwei Kinder - und ein Mann? wenn ja, wie gestrickt? oder keiner?) Nach Einzelheiten des Rechtsstreits fragen, den Sie erwähnen. Und noch etliche andere Fragen klären, die Ihre Anfrage aufgrund ihrer Kürze offen lässt. Und je nach der sich dann ergebenden Ausgangslage könnte ich mir vorstellen, einen der folgenden Wege zu beschreiten:
Möglicher Weg 1: Ich würde das Thema Mobbing aufgreifen, das Sie ansprechen und dabei mit Ihnen z.B. über die folgenden Fragen nachdenken, um daraus Lösungsansätze zu entwickeln:
  • Welche konkreten Situationen haben Sie vor Augen?
  • Wie weit soll man, darf man, muss man hinnehmen, dass man in einem Unternehmen nicht gefördert oder befördert wird? Wie weit sollen, dürfen, müssen Sie selbst es?
  • Welche anderen Gründe wären für die angebotene Auflösung des Arbeitsvertrages denkbar?
  • Wie weit muss die Fürsorgepflicht eines Arbeitgebers gehen?
Möglicher Weg 2: Ich würde das Thema Rechtsstreit aufgreifen. Wenn es zu einem Rechtsstreit kommt, werden Menschen, die zunächst zusammengearbeitet haben, zu Gegnern; und damit wandelt sich die Zielsetzung der gemeinsam verbrachten Zeit: Aus dem Interesse, miteinander auszukommen und zusammenzuarbeiten, wird der Wunsch, den anderen zu besiegen. Und auch wenn es im Rechtsstreit zu einem Vergleich kommt (wie war das bei Ihnen? Es klingt wenig danach ...), bleiben in der Regel irgendwo mehr oder weniger verborgen Wunden, die es auch ohne böse Absicht schwierig machen, nach dem Rechtsstreit zur Normalität zurückzufinden. Klärende und zur Lösung beitragende Fragen hierzu könnten sein:
  • Welche Wunden wären das? Bei Ihnen? Bei Ihrer Geschäftsführung?
  • Wie hat sich Ihre Wahrnehmung von der Geschäftsleitung und deren Handeln nach dem Rechtsstreit verändert?
  • Auf welchen Wegen wäre Verzeihen möglich?
Möglicher Weg 3: Ich würde das Thema Arbeit und Familie aufgreifen, indem ich mit Ihnen Antworten suche auf die Fragen:
  • Welchen Wert hat die Arbeit, welchen die Familie für Sie?
  • Warum ist Teilzeit die einzige Option?
  • Wer oder was raubt Ihnen derzeit Kraft, Energie und Zeit?
Möglicher Weg 4: Ich würde das Thema Sicherheit ansprechen und klären:
  • Welche Sicherheit bietet ein befristeter, welche ein unbefristeter Arbeitsvertrag?
  • Wer oder was soll Ihnen Sicherheit bieten? Und: Wer oder was tut es?
  • Wie schaffen Sie sich selbst eine sichere Welt?
  • Wie wäre es möglich, in Unsicherheit lustvoll zu leben?
Welchen dieser Wege (oder auch welchen anderen ...) Sie gehen: Ich wünsche Ihnen viel Erfolg (und ein geeignetes Gegenüber!).


Marion Mirswa: Sie haben sehr detailliert Ihre Ziele und Schwierigkeiten geschildert und sehen klar die Schwierigkeiten auf dem Markt. Meine erste Frage ist: Welchen Preis sind Sie bereit, für diesen Arbeitsplatz zu zahlen? Ihre Schilderung ist für mich gut nachvollziehbar. Da die Situation von ganz oben ausgeht, stehen Ihre Chancen schlecht, etwas zu ändern. Ich halte es jedoch für wichtig, den damaligen Rechtsstreit zu reflektieren bzw. zu klären, was Sie dazu beigetragen haben. Wenn es berechtigt war, unterstützt es den Rechtsweg. Ansonsten könnten Sie sich entschuldigen.

Zu Ihrer ersten Teilfrage. Ja, der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht. Ob die Tätigkeit in dieser Situation für Sie zumutbar ist, müssen Sie entscheiden. Sie können rechtlich vorgehen. Doch dazu müssen Sie die Schädigungen nachweisen. Da benötigen Sie einen auf Mobbing spezialisierten Anwalt und brauchen ein Tagebuch der Vorkommnisse und/oder eine ärztliche Diagnose. Die Frage ist, was sie damit erreichen können/wollen. Eine höhere Abfindung? Recht bekommen? Sollte jemand aus der Geschäftsführung gehen? Ein angenehmes Klima zu erreichen, halte ich für unwahrscheinlich. Sie könnten versuchen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Da Mobbing ein Thema ist, das viele beschäftigt und volkswirtschaftlich schadet, stehen die Chancen auf öffentliches Interesse gar nicht schlecht. Sie können Outplacement vorschlagen, doch lässt sich das Problem damit lösen oder macht es dieses noch schwieriger? Ist die Geschäftsführung noch an einen menschlich guten Ausgang interessiert oder ist der Konflikt schon auf gegenseitige Vernichtung ausgerichtet?

Sie schreiben, dass Sie kaum die Kraft haben, sich eine andere Stelle zu suchen. Woher nehmen Sie die Kraft, dort jeden Tag oder mehrmals die Woche hinzugehen? Was hilft Ihnen am meisten dabei? Was benötigen Sie, um einen neuen Schritt zu wagen? Wäre es nicht eine Chance auf Veränderung? Ist es vielleicht Zeit für eine neue Entwicklung? Was bedeutet diese Situation für Ihre Familie? Welche Auswirkungen hat sie? Wie viel ist Ihnen die Sicherheit dieser unbefristeten Stelle wert? Ein Satz fällt mir an dieser Stelle noch ein: "Meine Angst ist das Tor zu mehr." (Jens Corssen - "Der Selbstentwickler"). Ich wünsche Ihnen die Kraft, Ihren Weg zu gehen.


Jörg Middendorf: Vielen Dank für Ihre Anfrage und die ausführliche Schilderung Ihrer Situation. Ihr Wunsch Ihre Tätigkeit weiter zu führen ist sehr nachvollziehbar. Ihre Befürchtung bei dem jetzigen Arbeitgeber keinen Fuß mehr auf den Boden zu bekommen leider ebenso. Da das Wort Mobbing sehr häufig in unterschiedlicher Bedeutung verwendet wird, möchte ich kurz darauf eingehen, was ich darunter verstehe - nur damit wir über den gleichen Sachverhalt sprechen: Unter Mobbing verstehe ich ein systematisches Verhalten von einer oder mehreren Personen, welches zum Ziel hat einer anderen Person zu schaden. Diese Verhaltensmuster sind vom Grundsatz her feindselig und erstrecken sich über einen längeren Zeitraum. Das feindselige oder destruktive Verhalten kann verbal, non-verbal oder auch organisatorischer Art sein. Eine besondere Form des Mobbing ist das so genannte Bossing, wenn das feindselige Verhalten von den eigenen Vorgesetzten aus geht. Soweit zum Begriff (mehr Informationen zum Mobbing allgemein finden Sie unter http://www.fairness-stiftung.de).

Sie gehen davon aus, dass die Geschäftsführung kein Interesse an Ihrer Weiterbeschäftigung hat und möchte, dass Sie gehen. Nun kann man natürlich durch gute Arbeit, Offenheit und Gesprächsbereitschaft signalisieren, dass man guten Willens ist. Doch was macht man, wenn die andere Seite einfach nicht will? Was würde Sie überzeugen, wenn Sie in der Position Ihrer Vorgesetzten wären? Stellen Sie sich vor, dass jemand für Sie arbeitet, von dem Sie nicht möchten, dass diese Person für Sie arbeitet? Wie könnte diese Person, wenn überhaupt, Sie umstimmen? Natürlich hat der Arbeitnehmer ein legitimes Interesse, seine Tätigkeit zu behalten. Auf der anderen Seite gibt es wahrscheinlich auch ein ebenso legitimes Interesse, die Leuten zu beschäftigen, mit denen man arbeiten möchte (wobei es hier ja zum Glück rechtliche Grenzen zum Schutz der Arbeitnehmer gibt).

Aus meiner Erfahrung als Mediator kann ich nur sagen, dass man sein Gegenüber nicht zwingen kann, seine Sichtweise zu ändern. In der Mediation geht man sogar soweit zu sagen, dass die grundsätzliche Bereitschaft zu einer gemeinsamen Einigung vorhanden sein muss, damit man sich überhaupt auf den Prozess einer Einigung einlassen sollte. Ist diese grundsätzliche Bereitschaft nicht gegeben, wird eine Lösung kaum durch Mediation erreicht werden können (was übrigens nicht heißt, dass eine Lösung immer erreicht wird, auch wenn die Bereitschaft vorhanden ist).

Sie können Ihr Gegenüber eben nur einladen, seine Sichtweise zu ändern - zumal in Ihrem Fall Ihr Gegenüber noch in der machtvolleren Position ist. Für mich ergibt sich daraus die Frage Ihrer Prioritäten: Sie wollen einen unbefristeten Arbeitsvertrag über eine Teilzeitstelle. Was sind Sie bereit dem unterzuordnen? Wie lange und unter welchen konkreten Bedingungen sind Sie bereit, auf einer Stelle zu arbeiten, auf der Sie von der Geschäftsführung nicht gewollt sind? Was müsste passieren, damit Sie sich aktiv nach Alternativen umsehen? Was haben Sie noch nicht versucht, um die Situation zu ändern? Gibt es so etwas wie verschiedene Stufen in Bezug auf die Deutlichkeit Ihrer Versuche? Wo wären Sie auf diesen Stufen, was wären die nächsten Stufen und was wäre die letzte Stufe? Je bewusster Sie sich über Ihre Möglichkeiten sind, desto besser können Sie auch eine Entscheidung für sich treffen. Dies bezieht natürlich das Denken in ganz anderen Richtungen mit ein: Welche andere Tätigkeiten wären vorstellbar? Sicherlich ist es schwer, eine attraktive Teilzeitstelle zu finden, doch ist dies wirklich unmöglich?

Wenn wir uns nur vor die Wahl stellen "Bleiben oder Gehen", dann ist dies keine freie Wahl, sondern nur das hin und her gerissen sein zwischen zwei Alternativen. Welche weiteren Möglichkeiten gibt es? Welche Varianten von "Bleiben oder Gehen" können vielleicht ebenfalls Sinn machen? Welche Unterstützung in Ihrer Umgebung gibt es, die Sie nutzen könnten, um sich weiter Gedanken zu diesem Thema zu machen? Lassen Sie nicht zu, dass die Schwere der aktuellen Situation Sie vom freien Gedankenspiel über Möglichkeiten abhält. Nutzen Sie vielleicht auch das Gespräch mit vertrauten Leuten, um über die Bandbreite von Möglichkeiten nachzudenken. Wofür auch immer Sie sich entscheiden - Ich wünsche Ihnen eine bewusste Entscheidung aus einer ganzen Reihe von möglichen Alternativen. Viel Erfolg!


Christian Hohlweck: Zunächst einmal vielen Dank für die gute und ausführliche Schilderung Ihrer Situation. Es ist in der Tat keine einfache Situation, in der Sie sich befinden.
Wie Sie berichten, scheint es in der Tat so zu sein, dass in dem damaligen Streit auch Dinge wie Vertrauen zu Bruch gegangen sind. Sie sagen wenig zu dem Konflikt von damals, man kann nur vermuten, dass Sie darin eine tragende Rolle gespielt oder bekommen haben. Was ist aus den anderen (Mit-)Streitern geworden? Wie ist es denen ergangen? Was können Sie aus deren Verhalten für sich „abgucken“ sofern Sie es als „hilfreich“ ansehen können?

Doch schauen wir auf die heute aktuelle Situation: Der Arbeitgeber bietet Ihnen die Trennung in gegenseitigem Einvernehmen an und bietet Ihnen eine Abfindung. Sicher mag er eingestehen, dass von seiner Seite die Bedingungen einer vertrauensvollen Zusammenarbeit, so wie er es sich wünscht, nicht mehr gegeben sind, er kann das aber ggf. auch mit dem Abbau von Positionen o.ä. begründen. In dem Fall Mobbing zu konstatieren, würde eine Reihe von Beweisen und Zeugen für Ihre Vermutungen verlangen.
Haben Sie sich bisher einmal in die Rolle Ihrer GF versetzt? Was ist es für ein Gefühl, wenn Sie Ihre eigenen Leute, die Mit-führer Ihres Unternehmens extern verklagen (mal unabhängig davon, wer hier im Recht war)? Wie würden Sie sich fühlen? Wie würden Sie diesen Menschen in der nahen und weiteren Zukunft begegnen?

Ich möchte Ihre Mobbing-Hypothese gerne mal zu Ende denken: Haben Sie sich einmal gefragt, wo ein Mobbingprozess vor dem Arbeitsgericht endet? Ich bin kein Experte, aber es endet sicher mit der Beendigung des Arbeitsverhältnisses und einer Abfindung. Damit würden Sie so oder so irgendwann vor der Situation stehen, sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.
Nach allem, was passiert ist, würde man sicher in einem zukünftigen Mobbing-Verfahren auch Ihr Verhalten in dem damaligen Rechtsstreit mit heranziehen und könnte daraus schließen, dass ein vertrauensvolles Arbeitsverhältnis von BEIDEN Seiten eigentlich schon länger nicht mehr gegeben ist. Und dass Trennung sicher für beide Seiten die wahrscheinlichste effektive Möglichkeit ist.

Nun frage ich mich in puncto "Wechsel des Arbeitgebers": Ich glaube, Ihre Sorge ist berechtigt, Sie haben etwas Festes und wollen etwas Festes, bevor Sie das Feste aufgeben. Das kann ich gut verstehen. Nur, was wäre denn, wenn Ihre Firma verlagert, restrukturiert, verkauft? Wie lange glauben Sie, können Sie den Status-quo denn realistisch aufrecht erhalten? Bis Ihre Kinder in die Grundschule kommen? In die Oberschule? ...?
Und wie soll es mit Ihrer beruflichen Karriere weiter gehen? Was wollen Sie lernen? Wohin wollen Sie sich entwickeln? Wie sähe Ihr "Idealjob" in 5 Jahren aus? – Ich kann mir kaum vorstellen, dass Ihnen genau diese Firma alles in Zukunft bieten kann, was Sie sich wünschen. Entwickeln bedeutet ja auch, ab und zu ein neues Setting oder Handlungsfeld zu betreten. Wer außer Ihnen unterstützt Sie in der Einschätzung, dass Sie keinen 20h-Job bei einer Agentur bekommen werden?

Bei vielen meiner Sätze wird es in Ihnen aufgeschrieen haben. Ja, ich stelle mich eher unbequem in Kontrast zu Ihren Ansätzen. Doch möchte ich Ihnen auch sagen, dass ich Sie gut verstehe. Auch mir ist schon eine ähnliche berufliche Situation widerfahren, eine Situation in die ich mich damals verbissen habe und die ich noch viel weiter bekämpft hätte... nur ich bin darüber ernsthaft krank geworden. Man könnte streiten, ob es in meinem letzten Satz "darüber" oder "deswegen" heißen müsste. Klassisch an solchen Lebenssituationen ist, dass sich die Sicht, die Perspektive verengt und wir quasi mit Tunnelblick uns auf EINE Lösung versteifen. Und das erst Recht wenn uns selbst "glasklar" ist, dass es die anderen sind, die "Schuld" sind, man selbst also nur Leidtragender und Opfer ist. So war es jedenfalls bei mir damals.

Ach ja, und im Tunnelblick spielen unsere eigenen Einschätzungen uns dann auch noch Streiche wie – ich zitiere Sie – "Ich habe aber nicht die Kraft, die Energie, kaum die Zeit und vermutlich auch nicht die innere optimistische Haltung, um in dieser Situation nach einer neuen Stelle zu suchen."
Um diese Meinung über sich zu überdenken, sollten Sie nachdenken über:
  • Wie viel Kraft und Energie kostet mich jeder Tag, an dem ich dem Misstrauen und dem Gefühl des "Kalt gestellt seins" begegne?
  • Wie viel Zeit und Energie raubt mir ggf. ein Rechtsstreit mit dem Unternehmen in Richtung Mobbing?
  • Was wäre, wenn ich in den nächsten Monaten Energien darauf konzentriere, den Arbeitsmarkt zu screenen, zu analysieren und mich – aus ungekündigter Position mit einem – das könnten Sie ja aushandeln – sehr guten Zeugnis einfach mal bewerbe?
Ich merke, dass ich jetzt Schluss machen muss, um mich nicht zu wiederholen. Mein Text gefällt mir nicht sonderlich, doch ich denke der eine oder andere "verwertbare" Gedanke mag darin verborgen sein.
Ich wünsche Ihnen ALLES Gute und einen bewussten Umgang mit Ihren Energien – vielleicht in Zukunft mehr in Richtung "NEU" statt "ALT".


Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 

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