| 297. Anfrage vom 19.09.2007 |
Soll ich den Aufhebungsvertrag annehmen oder gegen den Willen der
Geschäftsführung im Job verharren?
Zunächst grundsätzlich zu meinem beruflichen und privaten Hintergrund:
Ich bin 30 Jahre alt, habe an der Universität Diplom-Germanistik,
Journalistik und Psychologie studiert und später während eines
Abendstudiums noch Praktische Betriebswirtschaft. Ich arbeite
seit sieben Jahren in einer Mediaagentur als Mediaplanerin. In
dieser Zeit habe ich auch zwei Kinder bekommen, 4 und 2 Jahre
alt. Seit vier Jahren arbeite ich in Teilzeit mit 20 Stunden.
Meine Elternzeit läuft noch weitere neun Monate bis zum dritten
Geburtstag meines zweiten Kindes, auch danach läuft mein
Arbeitsvertrag unbefristet auf 20 Stunden weiter.
Nun zu meiner konkreten Situation:
Meinen Beruf mag ich auf einer inhaltlichen und fachlichen Ebene
sehr gern und ich mache ich nach eigener Einschätzung und
verschiedenen Rückmeldungen von Kunden, Kollegen und Vorgesetzten
auch überdurchschnittlich gut. Mein unmittelbares Umfeld im Team
ist angenehm und ich gehe gerne täglich zur Arbeit. Davon
abgesehen, fühle ich mich in der Agentur überhaupt gar nicht
wohl. Vor einigen Jahren gab es einen schlimmen (Rechts-)Streit
mit der Geschäftsfühurng, an dem in verschiedenen Stadien alle
Führungskräfte des Standortes beteiligt waren. Seitdem bekomme
ich in der Firma kein Bein mehr auf den Boden. Ich werde nicht
gehört, nicht ernst genommen, nicht gefördert oder gar befördert.
Mir sind die Prozesse im Hintergrund natürlich nicht ganz klar,
aber ich glaube, ohne Überteibung sagen zu können, dass ich von
ganz oben mundtot gemacht bzw. im ganzen Haus verleumdet wurde.
Vor kurzem ist mir von der Geschäftsführung offiziell die
Trennung angeboten worden - also eine Auflösung des
Arbeitsverhältnisses in gegenseitigem Einvernehmen auf Basis
einer Abfindung. Ich bin darauf zunächst nicht eingegangen,
weil ich große Schwierigkeiten darin sehe, eine vergleichbare
oder bessere Anschlussbeschäftigung zu finden.
Ich habe nun zwei Teilfragen zu dieser Situation:
Erstens: Man kann vermutlich mittlerweile ohne allzugroße Zweifel
von Mobbing sprechen. Das ist kein Mobbing im täglichen
Abeitsprozess, sondern eher ein Mobbing von ganz oben, bei dem
mir offen gesagt und gezeigt wird, dass ich als Mitarbeiterin
im Haus nicht mehr erwünscht bin. Ist damit im Rahmen der
Fürsorgepflicht des Arbeitsgebers meine seelische Gesundheit
noch gewährleistet? Ist es für mich zumutbar, unter diesen
Umständen auch weiterhin meiner Tätigkeit nachzugehen?
Und zweitens: Wie kann ich diese Situation langfristig lösen?
Auch wenn ich immer wieder meine Gesprächsbereitschaft und
die Bereitschaft zu Veränderungen signalisiert hab, gibt es
von der Geschäftsführung her kein Interesse. Dort ist
entschieden worden, dass ich gehen soll, und bis dahin einfach
"kaltgestellt" bin. Ich habe aber nicht die Kraft, die Energie,
kaum die Zeit und vermutlich auch nicht die innere optimistische
Haltung, um in dieser Situation nach einer neuen Stelle zu
suchen. Ist es vorstellbar, meinem Arbeitgeber Outplacement
als Lösung vorzuschlagen? Mit einer Abfindung allein ist mir
nicht gedient, da ich mir keine Illusionen über meine Chancen
in Teilzeit auf dem Arbeitsmarkt mache. Vollzeit zu arbeiten
oder etwa gar nicht zu arbeiten, sind für mich nicht vorstellbar,
und da ich in einem unbefristeten Teilzeit-Arbeitsverhältnis
stehe, möchte ich, dass das auch weiterhin so bleibt.
Das größte Hindernis für eine gute Lösung:
Das größte Hindernis ist, dass ich meine Chancen auf dem
Arbeitsmarkt quasi bei null einstufe. Meiner Ansicht nach
gibt es de facto keinen Arbeitsmarkt für Teilzeitkräfte,
zumindest nicht im Bereich Agenturen, Medien & Marketing.
Da ich großen Wert darauf lege, auch weiterhin unbefristet
in Teilzeit angestellt zu sein, möchte ich mein derzeitiges
Arbeitsverhältnis nicht ohne neue Stelle auflösen. Aber wie
komme ich an diese Stelle? Und wie überbrücke ich die
schwierige Situation in der Firma?
Die Antworten der Coachs:
Reinhard Fukerider: Danke für Ihre brisante Anfrage, auf die ich
folgenden Antwortversuch wage:
Ich habe verstanden, dass Sie Ihren Job gerne machen und Sie das
Klima zwischen den KollegInnen im Team als angenehm einschätzen.
Sie haben das Gefühl, ein Bossing-Opfer zu sein, d.h. man hat
versucht, Sie kalt zu stellen. Klärungswünsche Ihrerseits sind
gescheitert. Gleichzeitig haben Sie – aus welchen Gründen auch
immer – das klare Signal bekommen, einem Auflösungsvertrag
zuzustimmen. Und Sie haben Angst, arbeitslos zu werden.
Dass Sie sich hilflos fühlen und nach einem konstruktiven Ausweg
aus dieser misslichen Lage finden wollen, kann ich ganz gut
nachvollziehen.
Inwieweit Sie die momentane Situation seelisch noch aushalten,
kann ich Ihnen jedoch nicht beantworten. Achten Sie auf die Signale
Ihres Körpers, dann kommen Sie diesbezüglich einer Antwort näher.
Ebenso kann ich die Lage auf dem Arbeitsmarkt und die Chancen für
Ihre Berufsgruppe mit Teilzeitbeschäftigung nicht beurteilen.
Mein Vorschlag für Sie ist: Investieren Sie in eine juristische
Beratung bei einem erfahrenen Fachanwalt für Arbeitsrecht, der
Ihre Situation beleuchtet und Ihnen mit Sicherheit
Verhaltensempfehlungen geben wird, wie Sie sich mit möglichst
großem eigenen Vorteil aus diesem – aus meiner Sicht – zerstörten
Arbeitsverhältnis lösen können. Vertrauen Sie auf seine Empfehlungen,
denn ein zu frühes Bewerben für einen andern Job kann u.U.
taktisch unklug sein. Außerdem kann möglicherweise die Zustimmung
zu dem Auflösungsvertrag ohne eine ordentliche Kündigung zu
Schwierigkeiten beim Arbeitslosengeld führen. Sie sehen, es gibt
da Vieles zu bedenken!
Wenn Ihre Firma Sie loswerden will, wird Sie sich das i.d.R. auch
etwas kosten lassen, vor allem dann, wenn ein Arbeitsgerichtsverfahren
verhindert werden kann.
Wenn Sie die juristische Beratung hinter sich haben, können Sie Ihr
weiteres Vorgehen bestimmen. Dann werden Sie auch Antworten auf
die von Ihnen gestellten Fragen finden. Da bin ich mir ziemlich sicher!
Noch zwei Tipps zum Schluss:
Nehmen Sie zu dem Gespräch mit dem Rechtsanwalt eine Person Ihres
Vertrauens mit. Vier Ohren hören mehr als zwei!
Suchen Sie sich einen konstruktiv-kritischen ‚Berater’ aus Ihrem
Freundeskreis oder einen professionellen Coach, der Sie stützt und
mit Ihnen gemeinsam die nächsten Schritte überdenkt.
Wünsche Ihnen viel Kraft für die kommende Zeit und ggf. auch den
Mut, von einem toten Pferd abzusteigen!
Dr.
Tilman Kiehne: Sie haben da eine Anfrage vorgetragen, bei der
ich ernsthaft zweifle, ob ein (einmaliges! ohne Rückfragemöglichkeit!)
Online-Coaching genügt. Ich empfehle Ihnen daher gleich zu Beginn zunächst,
über ein Coaching mit einem lebendig reagierenden und agierenden Gegenüber
nachzudenken; und ich bitte Sie, die nun trotzdem folgende Antwort unter
diesem Vorbehalt zu lesen.
Wäre ich dieses Gegenüber, würde ich zunächst nachfragen, wo in Ihrer
Überlegungen der Rest Ihrer Familie steht (Sie, zwei Kinder - und ein Mann?
wenn ja, wie gestrickt? oder keiner?) Nach Einzelheiten des Rechtsstreits
fragen, den Sie erwähnen. Und noch etliche andere Fragen klären, die Ihre
Anfrage aufgrund ihrer Kürze offen lässt. Und je nach der sich dann ergebenden
Ausgangslage könnte ich mir vorstellen, einen der folgenden Wege zu beschreiten:
Möglicher Weg 1: Ich würde das Thema
Mobbing aufgreifen, das Sie
ansprechen und dabei mit Ihnen z.B. über die folgenden Fragen nachdenken, um
daraus Lösungsansätze zu entwickeln:
- Welche konkreten Situationen haben Sie vor Augen?
- Wie weit soll man, darf man, muss man hinnehmen, dass man in einem Unternehmen
nicht gefördert oder befördert wird? Wie weit sollen, dürfen, müssen Sie selbst es?
- Welche anderen Gründe wären für die angebotene Auflösung des Arbeitsvertrages denkbar?
- Wie weit muss die Fürsorgepflicht eines Arbeitgebers gehen?
Möglicher Weg 2: Ich würde das Thema
Rechtsstreit aufgreifen. Wenn
es zu einem Rechtsstreit kommt, werden Menschen, die zunächst zusammengearbeitet
haben, zu Gegnern; und damit wandelt sich die Zielsetzung der gemeinsam verbrachten Zeit:
Aus dem Interesse, miteinander auszukommen und zusammenzuarbeiten, wird der Wunsch,
den anderen zu besiegen. Und auch wenn es im Rechtsstreit zu einem Vergleich kommt
(wie war das bei Ihnen? Es klingt wenig danach ...), bleiben in der Regel irgendwo
mehr oder weniger verborgen Wunden, die es auch ohne böse Absicht schwierig machen,
nach dem Rechtsstreit zur Normalität zurückzufinden. Klärende und zur Lösung
beitragende Fragen hierzu könnten sein:
- Welche Wunden wären das? Bei Ihnen? Bei Ihrer Geschäftsführung?
- Wie hat sich Ihre Wahrnehmung von der Geschäftsleitung und deren Handeln nach
dem Rechtsstreit verändert?
- Auf welchen Wegen wäre Verzeihen möglich?
Möglicher Weg 3: Ich würde das Thema
Arbeit und Familie aufgreifen, indem
ich mit Ihnen Antworten suche auf die Fragen:
- Welchen Wert hat die Arbeit, welchen die Familie für Sie?
- Warum ist Teilzeit die einzige Option?
- Wer oder was raubt Ihnen derzeit Kraft, Energie und Zeit?
Möglicher Weg 4: Ich würde das Thema
Sicherheit ansprechen und klären:
- Welche Sicherheit bietet ein befristeter, welche ein unbefristeter Arbeitsvertrag?
- Wer oder was soll Ihnen Sicherheit bieten? Und: Wer oder was tut es?
- Wie schaffen Sie sich selbst eine sichere Welt?
- Wie wäre es möglich, in Unsicherheit lustvoll zu leben?
Welchen dieser Wege (oder auch welchen anderen ...) Sie gehen: Ich wünsche Ihnen
viel Erfolg (und ein geeignetes Gegenüber!).
Marion Mirswa: Sie haben sehr detailliert Ihre Ziele und Schwierigkeiten
geschildert und sehen klar die Schwierigkeiten auf dem Markt. Meine erste Frage ist:
Welchen Preis sind Sie bereit, für diesen Arbeitsplatz zu zahlen? Ihre Schilderung
ist für mich gut nachvollziehbar. Da die Situation von ganz oben ausgeht, stehen Ihre
Chancen schlecht, etwas zu ändern. Ich halte es jedoch für wichtig, den damaligen
Rechtsstreit zu reflektieren bzw. zu klären, was Sie dazu beigetragen haben. Wenn es
berechtigt war, unterstützt es den Rechtsweg. Ansonsten könnten Sie sich
entschuldigen.
Zu Ihrer ersten Teilfrage. Ja, der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht. Ob die
Tätigkeit in dieser Situation für Sie zumutbar ist, müssen Sie entscheiden. Sie
können rechtlich vorgehen. Doch dazu müssen Sie die Schädigungen nachweisen. Da
benötigen Sie einen auf Mobbing spezialisierten Anwalt und brauchen ein Tagebuch der
Vorkommnisse und/oder eine ärztliche Diagnose. Die Frage ist, was sie damit erreichen
können/wollen. Eine höhere Abfindung? Recht bekommen? Sollte jemand aus der
Geschäftsführung gehen? Ein angenehmes Klima zu erreichen, halte ich für
unwahrscheinlich. Sie könnten versuchen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Da Mobbing
ein Thema ist, das viele beschäftigt und volkswirtschaftlich schadet, stehen die
Chancen auf öffentliches Interesse gar nicht schlecht. Sie können Outplacement
vorschlagen, doch lässt sich das Problem damit lösen oder macht es dieses noch
schwieriger? Ist die Geschäftsführung noch an einen menschlich guten Ausgang
interessiert oder ist der Konflikt schon auf gegenseitige Vernichtung ausgerichtet?
Sie schreiben, dass Sie kaum die Kraft haben, sich eine andere Stelle zu suchen.
Woher nehmen Sie die Kraft, dort jeden Tag oder mehrmals die Woche hinzugehen? Was
hilft Ihnen am meisten dabei? Was benötigen Sie, um einen neuen Schritt zu wagen?
Wäre es nicht eine Chance auf Veränderung? Ist es vielleicht Zeit für eine neue
Entwicklung? Was bedeutet diese Situation für Ihre Familie? Welche Auswirkungen hat
sie? Wie viel ist Ihnen die Sicherheit dieser unbefristeten Stelle wert? Ein Satz
fällt mir an dieser Stelle noch ein: "Meine Angst ist das Tor zu mehr." (Jens
Corssen - "Der Selbstentwickler"). Ich wünsche Ihnen die Kraft, Ihren Weg zu gehen.
Jörg Middendorf: Vielen Dank für Ihre Anfrage und die ausführliche Schilderung
Ihrer Situation. Ihr Wunsch Ihre Tätigkeit weiter zu führen ist sehr
nachvollziehbar. Ihre Befürchtung bei dem jetzigen Arbeitgeber keinen
Fuß mehr auf den Boden zu bekommen leider ebenso. Da das Wort Mobbing
sehr häufig in unterschiedlicher Bedeutung verwendet wird, möchte ich
kurz darauf eingehen, was ich darunter verstehe - nur damit wir über
den gleichen Sachverhalt sprechen: Unter Mobbing verstehe ich ein
systematisches Verhalten von einer oder mehreren Personen, welches zum
Ziel hat einer anderen Person zu schaden. Diese Verhaltensmuster sind
vom Grundsatz her feindselig und erstrecken sich über einen längeren
Zeitraum. Das feindselige oder destruktive Verhalten kann verbal,
non-verbal oder auch organisatorischer Art sein. Eine besondere Form des
Mobbing ist das so genannte Bossing, wenn das feindselige Verhalten von
den eigenen Vorgesetzten aus geht. Soweit zum Begriff (mehr
Informationen zum Mobbing allgemein finden Sie unter
http://www.fairness-stiftung.de).
Sie gehen davon aus, dass die Geschäftsführung kein Interesse an Ihrer
Weiterbeschäftigung hat und möchte, dass Sie gehen. Nun kann man
natürlich durch gute Arbeit, Offenheit und Gesprächsbereitschaft
signalisieren, dass man guten Willens ist. Doch was macht man, wenn die
andere Seite einfach nicht will? Was würde Sie überzeugen, wenn Sie in
der Position Ihrer Vorgesetzten wären? Stellen Sie sich vor, dass jemand
für Sie arbeitet, von dem Sie nicht möchten, dass diese Person für Sie
arbeitet? Wie könnte diese Person, wenn überhaupt, Sie umstimmen?
Natürlich hat der Arbeitnehmer ein legitimes Interesse, seine Tätigkeit
zu behalten. Auf der anderen Seite gibt es wahrscheinlich auch ein
ebenso legitimes Interesse, die Leuten zu beschäftigen, mit denen man
arbeiten möchte (wobei es hier ja zum Glück rechtliche Grenzen zum
Schutz der Arbeitnehmer gibt).
Aus meiner Erfahrung als Mediator kann ich nur sagen, dass man sein
Gegenüber nicht zwingen kann, seine Sichtweise zu ändern. In der
Mediation geht man sogar soweit zu sagen, dass die grundsätzliche
Bereitschaft zu einer gemeinsamen Einigung vorhanden sein muss, damit
man sich überhaupt auf den Prozess einer Einigung einlassen sollte. Ist
diese grundsätzliche Bereitschaft nicht gegeben, wird eine Lösung kaum
durch Mediation erreicht werden können (was übrigens nicht heißt, dass
eine Lösung immer erreicht wird, auch wenn die Bereitschaft vorhanden
ist).
Sie können Ihr Gegenüber eben nur einladen, seine Sichtweise zu ändern -
zumal in Ihrem Fall Ihr Gegenüber noch in der machtvolleren Position
ist. Für mich ergibt sich daraus die Frage Ihrer Prioritäten: Sie wollen
einen unbefristeten Arbeitsvertrag über eine Teilzeitstelle. Was sind
Sie bereit dem unterzuordnen? Wie lange und unter welchen konkreten
Bedingungen sind Sie bereit, auf einer Stelle zu arbeiten, auf der Sie
von der Geschäftsführung nicht gewollt sind? Was müsste passieren, damit
Sie sich aktiv nach Alternativen umsehen? Was haben Sie noch nicht
versucht, um die Situation zu ändern? Gibt es so etwas wie verschiedene
Stufen in Bezug auf die Deutlichkeit Ihrer Versuche? Wo wären Sie auf
diesen Stufen, was wären die nächsten Stufen und was wäre die letzte
Stufe? Je bewusster Sie sich über Ihre Möglichkeiten sind, desto besser
können Sie auch eine Entscheidung für sich treffen. Dies bezieht
natürlich das Denken in ganz anderen Richtungen mit ein: Welche andere
Tätigkeiten wären vorstellbar? Sicherlich ist es schwer, eine attraktive
Teilzeitstelle zu finden, doch ist dies wirklich unmöglich?
Wenn wir uns nur vor die Wahl stellen "Bleiben oder Gehen", dann ist dies
keine freie Wahl, sondern nur das hin und her gerissen sein zwischen
zwei Alternativen. Welche weiteren Möglichkeiten gibt es? Welche
Varianten von "Bleiben oder Gehen" können vielleicht ebenfalls Sinn
machen? Welche Unterstützung in Ihrer Umgebung gibt es, die Sie nutzen
könnten, um sich weiter Gedanken zu diesem Thema zu machen? Lassen Sie
nicht zu, dass die Schwere der aktuellen Situation Sie vom freien
Gedankenspiel über Möglichkeiten abhält. Nutzen Sie vielleicht auch das
Gespräch mit vertrauten Leuten, um über die Bandbreite von Möglichkeiten
nachzudenken. Wofür auch immer Sie sich entscheiden - Ich wünsche Ihnen
eine bewusste Entscheidung aus einer ganzen Reihe von möglichen
Alternativen. Viel Erfolg!
Christian Hohlweck: Zunächst einmal vielen Dank für die gute und
ausführliche Schilderung Ihrer Situation. Es ist in der Tat keine
einfache Situation, in der Sie sich befinden.
Wie Sie berichten, scheint es in der Tat so zu sein, dass in dem damaligen
Streit auch Dinge wie Vertrauen zu Bruch gegangen sind. Sie sagen wenig zu
dem Konflikt von damals, man kann nur vermuten, dass Sie darin eine tragende
Rolle gespielt oder bekommen haben. Was ist aus den anderen (Mit-)Streitern
geworden? Wie ist es denen ergangen? Was können Sie aus deren Verhalten für
sich „abgucken“ sofern Sie es als „hilfreich“ ansehen können?
Doch schauen wir auf die heute aktuelle Situation: Der Arbeitgeber bietet
Ihnen die Trennung in gegenseitigem Einvernehmen an und bietet Ihnen eine
Abfindung. Sicher mag er eingestehen, dass von seiner Seite die Bedingungen
einer vertrauensvollen Zusammenarbeit, so wie er es sich wünscht, nicht mehr
gegeben sind, er kann das aber ggf. auch mit dem Abbau von Positionen o.ä.
begründen. In dem Fall Mobbing zu konstatieren, würde eine Reihe von Beweisen
und Zeugen für Ihre Vermutungen verlangen.
Haben Sie sich bisher einmal in die Rolle Ihrer GF versetzt? Was ist es für
ein Gefühl, wenn Sie Ihre eigenen Leute, die Mit-führer Ihres Unternehmens
extern verklagen (mal unabhängig davon, wer hier im Recht war)? Wie würden
Sie sich fühlen? Wie würden Sie diesen Menschen in der nahen und weiteren
Zukunft begegnen?
Ich möchte Ihre Mobbing-Hypothese gerne mal zu Ende denken: Haben Sie sich
einmal gefragt, wo ein Mobbingprozess vor dem Arbeitsgericht endet? Ich bin
kein Experte, aber es endet sicher mit der Beendigung des Arbeitsverhältnisses
und einer Abfindung. Damit würden Sie so oder so irgendwann vor der Situation
stehen, sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen.
Nach allem, was passiert ist, würde man sicher in einem zukünftigen
Mobbing-Verfahren auch Ihr Verhalten in dem damaligen Rechtsstreit mit
heranziehen und könnte daraus schließen, dass ein vertrauensvolles
Arbeitsverhältnis von BEIDEN Seiten eigentlich schon länger nicht mehr gegeben
ist. Und dass Trennung sicher für beide Seiten die wahrscheinlichste
effektive Möglichkeit ist.
Nun frage ich mich in puncto "Wechsel des Arbeitgebers": Ich glaube, Ihre Sorge
ist berechtigt, Sie haben etwas Festes und wollen etwas Festes, bevor Sie das
Feste aufgeben. Das kann ich gut verstehen. Nur, was wäre denn, wenn Ihre Firma
verlagert, restrukturiert, verkauft? Wie lange glauben Sie, können Sie den
Status-quo denn realistisch aufrecht erhalten? Bis Ihre Kinder in die
Grundschule kommen? In die Oberschule? ...?
Und wie soll es mit Ihrer beruflichen Karriere weiter gehen? Was wollen Sie
lernen? Wohin wollen Sie sich entwickeln? Wie sähe Ihr "Idealjob" in 5 Jahren
aus? – Ich kann mir kaum vorstellen, dass Ihnen genau diese Firma alles in
Zukunft bieten kann, was Sie sich wünschen. Entwickeln bedeutet ja auch, ab und
zu ein neues Setting oder Handlungsfeld zu betreten. Wer außer Ihnen unterstützt
Sie in der Einschätzung, dass Sie keinen 20h-Job bei einer Agentur bekommen werden?
Bei vielen meiner Sätze wird es in Ihnen aufgeschrieen haben. Ja, ich stelle mich
eher unbequem in Kontrast zu Ihren Ansätzen. Doch möchte ich Ihnen auch sagen,
dass ich Sie gut verstehe. Auch mir ist schon eine ähnliche berufliche Situation
widerfahren, eine Situation in die ich mich damals verbissen habe und die ich
noch viel weiter bekämpft hätte... nur ich bin darüber ernsthaft krank geworden.
Man könnte streiten, ob es in meinem letzten Satz "darüber" oder "deswegen" heißen
müsste. Klassisch an solchen Lebenssituationen ist, dass sich die Sicht, die
Perspektive verengt und wir quasi mit Tunnelblick uns auf EINE Lösung versteifen.
Und das erst Recht wenn uns selbst "glasklar" ist, dass es die anderen sind,
die "Schuld" sind, man selbst also nur Leidtragender und Opfer ist. So war es
jedenfalls bei mir damals.
Ach ja, und im Tunnelblick spielen unsere eigenen Einschätzungen uns dann auch
noch Streiche wie – ich zitiere Sie – "Ich habe aber nicht die
Kraft, die Energie, kaum die Zeit und vermutlich auch nicht die innere
optimistische Haltung, um in dieser Situation nach einer neuen Stelle
zu suchen."
Um diese Meinung über sich zu überdenken, sollten Sie nachdenken über:
- Wie viel Kraft und Energie kostet mich jeder Tag, an dem ich dem
Misstrauen und dem Gefühl des "Kalt gestellt seins" begegne?
- Wie viel Zeit und Energie raubt mir ggf. ein Rechtsstreit mit dem
Unternehmen in Richtung Mobbing?
- Was wäre, wenn ich in den nächsten Monaten Energien darauf konzentriere,
den Arbeitsmarkt zu screenen, zu analysieren und mich – aus ungekündigter
Position mit einem – das könnten Sie ja aushandeln – sehr guten Zeugnis
einfach mal bewerbe?
Ich merke, dass ich jetzt Schluss machen muss, um mich nicht zu wiederholen.
Mein Text gefällt mir nicht sonderlich, doch ich denke der eine oder andere
"verwertbare" Gedanke mag darin verborgen sein.
Ich wünsche Ihnen ALLES Gute und einen bewussten Umgang mit Ihren Energien –
vielleicht in Zukunft mehr in Richtung "NEU" statt "ALT".
Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den
Antworten der Coachs.