| 299. Anfrage vom 01.04.2008 |
Soll ich als Externe eine Teamleitung übernehmen?
Seit Februar arbeite ich freiberuflich für ein Unternehmen der IT (Software)-Branche. Meine Aufgabe besteht zum einen darin, Neukontakte per Telefon (vertriebsunterstützend) zu generieren, zum anderen, das Know-how, wie man das am besten macht, den festangestellten Mitarbeitern (8) weiterzugeben in Form eines Start-Seminares mit anschließendem Coaching. Diese Aufgabe beinhaltet auch, neue Strukturen einzuführen, Abläufe besser zu gestalten etc. Ich denke darüber nach, ob ich dabei nicht eigentlich die Aufgabe eines Teamleiters übernehme. Und wenn das so ist, kann ich das überhaupt als Externe? Wie werde ich von den Mitarbeitern wahrgenommen? Als externer Berater - so sehe ich es - mache ich Vorschläge und gehe wieder. Als Teamleiter bin ich auch für die Umsetzung verantwortlich. Wie gehe ich am besten damit um?
Das größte Hindernis für eine gute Lösung:
Zum einen sehe ich es in meiner eigenen Verantwortung, mich rechtzeitig zu positionieren - indem ich mir klarmache, wie ich gerne wahrgenommen werden möchte.
Zum anderen treffe ich natürlich auf eine vorhandene "Landschaft". Ich habe im Moment noch keine Idee, wie meine Vorstellungen und meine Vorschläge aufgenommen werden. Also stellt sich die Frage (die Ihnen bestimmt nicht neu ist), wie gewinne ich die Mitarbeiter für Veränderungen?
Eine Idee dazu ist, sie von vornherein intensiv einzubeziehen und alles gemeinsam zu erarbeiten, uns als Team herauszuarbeiten. Erschwerend kommt hinzu, dass das Team an unterschiedlichen Standorten sitzt.
Die Antworten der Coachs:
Jörg Middendorf: Vielen Dank für Ihre interessante Anfrage und herzlichen Glückwunsch zu dem Auftrag. Die Fragen, die Sie mit Ihrer Mail stellen, zeigen mir, dass Sie sich der unterschiedlichen Rollen und den damit zusammenhängenden Erwartungen und Möglichkeiten bereits bewusst (oder zum Teil bewusst) sind. Eine Frage, die sich mir stellt ist, ob Ihr Auftraggeber sich mit diesen Fragen ebenfalls beschäftigt hat? Falls nicht, so wäre es aus meiner Sicht schon eine wertvolle Beratungsleistung, diese Fragen zusammen mit dem Auftraggeber zu besprechen. Darin liegt aus meiner Sicht wahrscheinlich auch der größte Nutzen für Sie und Ihren Auftraggeber: Die Ideen oder Vorstellung des jeweils anderen verstehen. Und danach Verstehen und dann Verstehen, bevor man zu einer vorschnellen Festlegung kommt.
Sicherlich gibt es Beispiele, wo man auch als Externer eine Zeitlang den Job eines internen Teamleiters übernehmen kann (der ganze Bereich Interimsmanager lebt ja davon), doch ist für mich die zentrale Frage, welches die Bedürfnisse der Organisation sind – und diese herauszufinden ist für mich ein Teil Ihrer Leistung für das Unternehmen. Mein Fazit ist also: Wichtige Fragen sind gestellt - es gibt keinen Grund, sich alleine den Kopf über die Antworten zu zerbrechen. Indem Sie solche und ähnliche Anliegen mit Ihrem Kunden reflektieren, erbringen Sie eine weitere wertvolle Leistung für das Unternehmen! Wie die gemeinsame Antwort auch aussehen mag, ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Umsetzung!
Reinhard Fukerider : Danke für Ihre interessante Anfrage! Ich teile Ihre Ansicht, dass es dringend erforderlich ist, sich die eigene Rolle und den Auftrag bewusst zu machen, um eine gute Arbeit abzuliefern.
Sie können das nicht alleine klären, sondern sollten noch mal mit Ihrem Auftraggeber Ihre Rolle und den Auftrag genau definieren, und dies am besten schriftlich, denn dadurch ist Ihr Auftraggeber gezwungen, zum einen genauer über eigene Führungs- und Teamstrukturen und zum anderen über Ihre Rolle und Ihren Auftrag nachzudenken.
Meiner Meinung nach passen die Rolle des Telefon-Akquisiteurs und des Coachs für die Telefon-Akquise der MitarbeiterInnen des Unternehmens nicht zusammen. Ein externer Coach darf nicht Teil des Systems sein, das er berät. Und diese Vermischung ist mit dieser Rollenkollision gegeben.
Neue Strukturen einzuführen, Abläufe besser zu gestalten und die MitarbeiterInnen für Veränderungen zu motivieren, sind Führungsaufgaben. Sie wahren Ihre Rolle als externer Coach, wenn Sie einer Führungskraft und deren Team in diesem Prozess beratend zur Seite stehen. Ihre Sorge, in die Rolle des informellen Teamleiters hineinzuschliddern, finde ich berechtigt, da es ja keine ausgewiesene Team- bzw. Projektleitung gibt. Umso dringlicher ist m. E., im Gespräch mit Ihrem Auftraggeber eine genaue Rollendefinition zu erreichen.
Mir stellen sich folgende Fragen:
- Was hat Ihr Auftraggeber davon, ein Team ohne ausgewiesene Teamleitung zu etablieren und, bewusst oder unbewusst, Führungsaufgaben an einen Externen zu delegieren?
- Woran erkennen Sie und Ihr Auftraggeber, dass der Auftrag erfüllt ist?
- Was haben Sie davon, sich in eine solche unübersichtliche Situation zu stürzen?
- Was müssen Sie tun, um sich erfolgreich verheizen zu lassen?
Die Schilderung des Systems, mit dem Sie es zu tun haben, wirkt auf mich unübersichtlich, genauso wie Ihre bisherige gefühlte und/oder praktizierte Rollenvielfalt in diesem System.
Schaffen Sie für sich Rollenklarheit, damit helfen und schützen Sie sich selber und geben dem System noch Veränderungsimpulse mit. Überlegen Sie, was für Sie im Extremfall schlimmer wäre: den Auftrag oder Ihre Reputation als Berater bzw. Coach zu verlieren?!
Wünsche Ihnen den Mut, Auftrag und Rolle nachzukontraktieren!
Marion Mirswa: Hallo lieber Anfrager,
ich finde es sehr gut, dass Sie sich rechtzeitig Gedanken über Ihre Positionierung machen. Wenn ich jetzt mal davon ausgehe, dass Sie überzeugt sind, die gestellten Aufgaben in der Rolle des externen Teamleiters lösen zu müssen, stelle ich mir folgende Frage: Wieso glauben Sie, die Aufgabe in der Rolle eines Teamleiters wahrnehmen zu müssen? Die Aufgabe ist abgegrenzt und ein Ziel formuliert. Ich nehme an, es gibt einen Zeitplan. Dann könnte ich mir Ihre Funktion als Projektleiter besser vorstellen. Unternehmen möchten meiner Erfahrung nach keine externen Berater mehr, die sich aus der Verantwortung nehmen, ihre Weisheiten loswerden und dann wieder verschwinden. Wäre es möglich, dass Sie sich noch mit dem Gedanken anfreunden müssen, als Berater Verantwortung für die Ergebnisse zu übernehmen?
Es müsste doch bereits einen Teamleiter, Abteilungsleiter geben. Wie würden Sie mit ihm zusammen arbeiten? Ist er bereits mit im Boot oder wer hat Sie beauftragt? In Bezug auf WAS sollen Sie neue Strukturen einführen/besser gestalten? In Bezug auf den telefonischen Vertrieb? Meine Idee dazu ist jetzt: Sie sollen das Team vertriebsfit machen und zwar so, dass es mit dem Arbeitsalltag vereinbar ist. Eine neue Aufgabe soll sozusagen in den Alltag erfolgreich integriert werden. Stimmt das so in etwa? Dann hätte ich folgende Idee:
Wenn Sie es nicht bereits getan haben, dann sollten Sie Ihre Aufgabe und das Ziel mit Ihrem Auftraggeber noch genauer definieren, es schriftlich festhalten und auch klar formulieren, was Sie dazu unter den bestehenden Strukturen brauchen.
Ihr Auftraggeber sollte Sie im Team einführen, evtl. ist das ja bereits der Team-/ Abteilungsleiter. Wenn nicht, sollte der Auftraggeber Sie mit diesem zusammenbringen und Sie konzipieren gemeinsam die Schritte. Am besten haben Sie ein Grobkonzept als Vorschlag, anhand dessen Sie zusammen einen Projektplan entwickeln. Sie müssen natürlich die Konzeptarbeit leisten - jedoch als Grundlage, die entsprechend den Erfordernissen angepasst wird. Sie können Veränderungsprozesse nur anstoßen, wenn Sie von oben unterstützt werden und das den Mitarbeiter/innen klar ist.
- "... uns als Team herauszuarbeiten." Bei diesem hatte ich spontan ein Gefühl der Ablehnung, das lautet: "bloß nicht". Doch es gibt ein gemeinsames Ziel, das erreicht werden soll, und das muss formuliert werden. Vielleicht können auch Kriterien, wie das Ergebnis gemessen wird, gemeinsam entwickelt werden.
- "... dass das Team an verschiedenen Standorten sitzt." Was genau ist da die Schwierigkeit? Wie weit sitzen diese auseinander? Wie wird die Teamarbeit bisher organisiert? Welche Strukturen gibt es jetzt zum Austausch? Wo benötigen Sie für was wen am selben Tisch? Was benötigen Sie zusätzlich? Was ist machbar?
Vorarbeit ist Ihr Job, aus den Mosaiksteinchen ein Mosaik gestalten Ihre gemeinsame Aufgabe. Ich hoffe, dass ich Ihnen mit meiner Sicht einige Anregungen geben konnte und wünsche Ihnen viel Erfolg.
Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.