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  300. Anfrage vom 09.04.2008

 Anfragen  ::   300. Anfrage vom 09.04.2008


Verbrannte Erde - was habe ich falsch gemacht?

Im November habe ich einen neuen Job bei einem Verband begonnen. Mit mir wurden weitere 20 Mitarbeiter eingestellt und auf die vier Bezirksdirektionen verteilt. Die Order, neue Mitarbeiter einzustellen, kam von der Vorstandsebene, die einen Sachgebietsleiter und einen Geschäftbereichsleiter mit der Auswahl der neuen Mitarbeiterinnen beauftragt hat.

Die direkten Vorgesetzten waren bei der Auswahlrunde leider nicht zugegen. Statt dessen wurden diesen die neuen MitarbeiterInnen mit den zugewiesenen Aufgabenbereichen vor die Nase gesetzt. Die ersten Wochen liefen für mich ganz gut - bis auf die Tatsache, dass ich relativ schnell merkte, dass die mir zugewiesenen Aufgaben eigentlich gar nichts mit meiner beruflichen Qualifikation als Betriebswirtin zu tun haben. In der Hoffnung, dass ich sicherlich mit der Zeit auch andere Abteilungen kennen lernen würde und ich vielleicht eine interessante Position mit betriebswirtschaftlichen Hintergrund zugewiesen bekäme, gab ich mich abwartend mit der beruflichen Situation zufrieden.

Was mir die ganze Zeit schon in der Abteilung zu schaffen machte, war meine direkte Vorgesetzte, 52 Jahre alt und gelernte Arzthelferin, die anscheinend nicht viel mit mir als Betriebswirtin anfangen konnte. Und so fühlte ich mich schon seit dem ersten Arbeitstag in ihrer Gegenwart unwohl und merkte, wie sie mich musterte. Je länger ich mit ihr zusammen arbeitete, um so mehr fiel mir auf, dass sie sehr schwierig war. Ständig unterstellte sie mir und auch anderen Mitarbeiterinnen, dass wir sie übergehen würden, so dass ich anfing, wegen jeder Kleinigkeit zu fragen, Frau X darf ich dies - darf ich das..., was ich aufgrund meiner vorhergehenden beruflichen Erfahrung als sehr lächerlich empfand.

Mir fiel auch auf, dass sie wichtige Entscheidungen verbummelte, mich und die anderen Kollegen lange auf Unterlagen warten ließ und, dass sie sich in dem neuen Aufgabenbereich, den ich zusammen mit einer anderen Kollegin übernehmen sollte, gar nicht gut auskannte.

Da sich der Verband in einem Fusionsprozess befindet und die Aufgabenbereiche zentralisiert werden sollten, war es ihre Aufgabe und die der anderen Gruppenleiter, dies so schnell und so reibungslos wie möglich über die Bühne zu bringen. Weil ich mit dem Auftrag, neue Ideen einzubringen, wie man die Abläufe effizient gestalten könnte, eingestellt wurde, fühlte ich mich recht schnell für das Gelingen der Fusionsprozesse verantwortlich.

Kurz und gut - als mich meine Vorgesetzte nicht rechtzeitig über die Übernahme des Aufgabenbereiches für eine weitere Bezirksdirektion informierte, kam es zum Eklat. Sie teilte mir mit, dass ich diesen Bereich erst im nächsten Monat übernehmen solle - aber Mitarbeiter aus dieser Bezirksdirektion haben mich ständig angerufen und mir mitgeteilt, dass ich ja wohl schon ab diesem Monat den Aufgabenbereich übernehmen werde; auch Anrufe wurden mir von diesen Mitarbeitern zugestellt, da ich ja jetzt für diesen Bereich zuständig sei.

Da ich nun wissen wollte, wie die Mitarbeiter auf diese Info kamen, habe ich bei ihrem Vorgesetzten angerufen und ihn direkt gefragt; dieser verwies mich wiederum an meine Vorgesezzte mit der Information, dass es schon seit drei Wochen feststehe, dass ich die Aufgabe übernehmen solle - das wäre mit meiner Gruppenleiterin so abgesprochen. Also habe ich sie um ein Gespräch gebeten und sie von dem Telefonat mit dem Vorgesetzten der anderen Bezirksdirektion in Kenntnis gesetzt.

Meine Gruppenleiterin tat sehr überrascht und hat mich nach einem Gespräch mit dem Gruppenleiter der anderen Bezirksdirektion dann doch angewiesen, den Aufgabenbereich sofort zu übernehmen. In der nächsten Woche wurde ich von der nächsthöheren Dienstvorgesetzten zu einem Gespräch eingeladen und mir wurde mitgeteilt, dass die Gruppenleiterin nicht mehr mit mir zusammenarbeiten wolle. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden wurde ich sofort an einen anderen Dienstort versetzt - es wurde sogar von verbrannter Erde gesprochen!
Was habe ich falsch gemacht?

Hätte ich nicht selbst bei dem Vorgesetzten nachgefragt, hätte man mir dann nicht vorgeworfen, das ich meinen Job nicht gut mache? Meiner Meinung nach wäre es ihre Aufgabe gewesen, mich und meine Kollegin sofort nach der Gruppenleitersitzung davon in Kenntnis zu setzen, ab wann ich welche Aufgabe übernehmen soll. Wie soll ich mit den Fragen meiner Kollegen umgehen, wenn ich wieder an meine ehemalige Dienststelle versetzt werde? Ich habe große Angst, dass ich von meinen Kollegen verspottet und geächtet werde!

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:

Dass ich nicht genau weiß, was mir vorgeworfen wird. Die Mitarbeiter erzählen ziemlich schnell "dummes Zeug" im Verband herum.


Die Antworten der Coachs:

Marion Mirswa: Herzlichen Dank für Ihre Anfrage und Ihren Mut, dieses schwierig erscheinende Verhältnis hier zu schildern. Bewundernswert finde ich Ihre Bereitschaft, sich mit dem Schiefgelaufenen und auch mit Ihrem Anteil ("Was habe ich falsch gemacht?") auseinander zu setzen.

Ich möchte von hinten anfangen. Es ist verständlich, dass Sie so schnell wie möglich informiert werden möchten über anstehende Aufgaben. Ich frage mich, was Ihre Vorgesetzte dazu bewegt haben könnte, diese Information erst mal zurückzuhalten. Hier einfach ein paar Vermutungen:

Vielleicht hat sie befürchtet, dass Sie von der Entscheidung nicht sehr erbaut sein würden, vielleicht mit Widerstand gerechnet. Vielleicht ging es um die Frage "Wie sag ich es ...?, ohne dass Sie sich abgeschoben fühlen.... Möglicherweise war sie selbst noch unschlüssig, wie sie mit den veränderten Bedingungen umgehen soll und welche Auswirkungen diese auf die Arbeitsstruktur und -verteilung innerhalb der Abteilung haben könnten. Vielleicht suchte sie noch nach einer Lösung, weil sie selbst diese als weniger glücklich empfand.

Da finden Sie selbst sicher viele andere Vermutungen. Was hätte Ihre Vorgesetzte in Ihren Augen alles tun können, um ihr eigenes Gesicht zu wahren, das Beste für ihre Abteilung zu erreichen und es auch gut für Sie zu gestalten? Ihre Befürchtung "...hätte man mir dann nicht vorgeworfen, meine Job nicht gut zu machen?" kann ich sehr gut nachvollziehen. Könnte es sein, dass Ihre Vorgesetzte Ähnliches für sich befürchtet? Mir fällt bei Ihrer Schilderung folgender Satz ein: Menschen handeln weniger nach dem, was sie selbst denken, sondern danach was sie denken, das andere von ihnen denken. Könnte Ihre Befürchtung damit zu tun haben, genauso wie Ihre Frage nach dem Verhalten Ihrer Kollegen, wenn Sie wieder zurückkommen würden? Was denken Sie selbst von sich? Wollen Sie denn wieder zurück? Welchen Einfluss können Sie selbst auf Ihren Weg/Ihre Karriere ausüben? Sie scheinen sich mit Ihrem Verhalten nicht ganz wohl zu fühlen. Vielleicht ermöglich folgende Frage mehr Klarheit: Was hätten Sie sich an Stelle Ihrer Vorgesetzten von Ihnen als Mitarbeiterin in dieser Situation gewünscht? Was hätten Sie gebraucht, um Vertrauen in eine weitere Zusammenarbeit zu erhalten oder überhaupt erst aufzubauen. Und was brauchen Sie selbst nun?

Zurück zu Ihren Handlungsoptionen: Welche anderen Möglichkeiten haben Sie noch erwogen und was davon könnte eine Alternative beim nächsten Mal sein? Hätte es eine Möglichkeit gegeben, die Entscheidung Ihrer Vorgesetzten als solche zu akzeptieren und auch als solche zu kommunizieren? Hätten Sie die Entscheidung relativ zwanglos schriftlich erhalten können, beispielsweise durch eine Mailanfrage, wie Sie mit den Anfragen der anderen Direktion umgehen sollen? Sie schreiben von verbrannter Erde. Verbrannte Erde in der Natur ermöglicht neuen fruchtbaren Boden. Philosophisch kann jedes Ende als Neuanfang gesehen werden. Was könnte helfen, dass Sie beide sich künftig in die Augen schauen können? Sie schreiben, Ihre Vorgesetzte ist gelernte Arzthelferin. Haben Sie den Eindruck, dass sie sich Ihnen von der Qualifikation unterlegen fühlt, vielleicht sogar von Ihnen kontrolliert? Sie schreiben auch von der Hoffnung auf andere Positionen im Verband, die Ihrer Qualifikation mehr entsprechen. Ist das nun jetzt nicht die Gelegenheit, Ihrem Ziel näher zu kommen? Geht es jetzt vielleicht nicht um ein Zurück, sondern um ein gutes Ende? Was könnten Sie an Ihrer Vorgesetzten und bisherigen Tätigkeiten schätzen? Und wenn Sie bleiben oder zurück kommen: Was konnten oder können Sie hier noch entwickeln?

Ich wünsche Ihnen einen guten vorläufigen Abschluss dieser Situation - unabhängig von der weiteren Entwicklung.


Johannes Thönneßen: Ich möchte meine Antwort in zwei "Kapitel" aufteilen. Zum einen: Was haben Sie falsch gemacht, oder besser: Was könnte Ihr Anteil an der Situation gewesen sein? Meine Vermutung: Sie haben vom ersten Tag an Unklarheit zugelassen - was einerseits völlig verständlich ist. Wer spricht schon am ersten Tag ungute Gefühle an und klärt eine Beziehung? Andererseits: Die Unzufriedenheit betraf ja nicht nur die Beziehung zur Vorgesetzten, sondern auch die Tätigkeit, die nichts mit Ihrer Qualifikation zu tun hatte. Sie haben dies wochenlang ertragen, ohne eine Klärung herbeizuführen.

Dann kam die unerfreuliche Situation, dass Sie nicht informiert waren über Ihre neue Aufgabe, aber andere offensichtlich schon. Um diesen Zustand der Unklarheit aufzuheben, haben Sie eine Klärung herbeigeführt - mit dem Vorgesetzten der anderen Abteilung, der Sie, völlig korrekt, an Ihre Vorgesetzte verwiesen hat. Damit war diese bloßgestellt, eines Fehlers oder einer Unfähigkeit überführt - was selten Freude auslöst.

In einer solchen Situation wäre das klärende Gespräch mit Ihrer Vorgesetzten der dringlichste Schritt gewesen. Ihr mitzuteilen, dass Sie angerufen werden und das im Widerspruch zu der Information Ihrer Vorgesetzten steht. An dieser Stelle hätten Sie fragen können, wie Sie sich verhalten sollen.
Um das noch einmal zu betonen: Es ist nur EIN Beispiel für eine verpasste Gelegenheit, Klarheit zu schaffen, ich vermute, es gab zuvor jede Menge anderer Chancen.
Damit Sie mich nicht missverstehen: Natürlich hätte auch Ihre Vorgesetzte jederzeit mit Ihnen reden und ihre Erwartungen klar machen müssen - aber es ist ja Ihre Anfrage im Coaching-Forum...

Kapitel Nr. 2, Ihre neue Situation: Hier wäre mein Tipp, genau das zu üben: Für Klarheit sorgen. Wer auch immer ein Problem mit Ihnen hat oder sich unangemessen äußert - nutzen Sie die Chance, die Situation anzusprechen und herauszufinden, was er oder sie für ein Problem mit Ihnen hat. Erzählen Sie sodann, wie die Dinge aus Ihrer Sicht liegen und vor allem, was IHR Anteil an der Situation war, was Sie daraus gelernt haben und wie Sie in Zukunft mit ähnlichen Situationen umgehen wollen.
Ich drücke Ihnen die Daumen für die kommenden Aufgaben.


Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 

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