| 302. Anfrage vom 20.06.2008 |
Was tun, wenn mir ein Zertifikat als Coach fehlt?
Seit einigen Jahren bilden sich immer mehr Dachverbände, Associations u.ä. für Coaches, die sicherlich einig zum Ziel haben, Qualitätsstandards zu schaffen, zu halten und auch weiter zu entwickeln. Als freiberufliche Coachin, Trainerin und Mediatorin war es dann auch (mal) mein Ziel, die Qualität meiner Arbeit \"besiegeln\" zu lassen, um so den Selektionskriterien meiner zukünftigen KlientInnen noch besser zu entsprechen. Nun stellte ich fest, dass ich aufgrund meiner früher betriebsinternen Ausbildungen (durch externe TrainerInnen) kein Zertifikat als Coach - also den Nachweis einer qualifizierten Ausbildung besitze, welches aber Voraussetzung für eine Aufnahme in einen entsprechenden Verband ist. Auch die Hinweise auf meine frühere Leitungstätigkeit mit Personalverantwortung und dem entsprechenden regelmäßigen Einsatz von Coachings für mehr als 5 Jahre, sowie meine mittlerweile 6 jährige freiberufliche Tätigkeit in genau diesem Segment, lassen ein Beitritt in eine entsprechende Organisation nicht zu.
Den Hinweisen, ich solle doch einfach noch mal eine Coachingausbildung machen, möchte ich aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen nicht annehmen. Welche Möglichkeiten/Erfahrungen haben Sie hierzu gemacht?
Die Antworten der Coachs:
Jörg Middendorf: Gerne teile ich meine Erfahrungen zu dem Thema Coachingverbände und Zertifizierungen. Bisher hat mich noch kein Kunde nach der Mitgliedschaft in einem Verband oder einer entsprechenden Zertifizierung gefragt. Im Augenblick sehe ich für mich auch keine Notwendigkeit einem Verband beizutreten, da mir die meisten Verbände zu viele Einzelinteressen (von Trainern, Ausbildungsinstituten, Psychologischen Schulen, etc.) vertreten. Trotzdem halte ich die Entstehung dieser vielen Verbände für ein Zeichen wachsender Professionalität des Coachings. Ich hoffe, dass wir in ein paar Jahren ein, zwei Dachverbände haben, die allgemein anerkannte Standards für die Ausbildung und die Qualifizierung von Coaches entwickelt haben, so wie das bei den Supervisoren schon lange der Fall ist.
Zertifizierungen stehe ich insgesamt positiver gegenüber, da sie für mich Zeichen für einen bestimmten Umfang und Inhalte der fachlichen Beratungsausbildung sind. Diese Ausbildungen sind, natürlich auch ohne Zertifikat, für mich ein Merkmal für professionelle Coaches. Meine Auftraggeber sind häufig sehr sachkundige firmeninterne Personalentwickler, die schon darauf achten, welche Ausbildungen meinen fachlichen Hintergrund bilden.
Mein persönliches Fazit ist daher: Solange es keinen allgemeinen anerkannten Dachverband gibt, habe ich nicht vor einem speziellem Coachingverband beizutreten. Zertifikate sind für mich nur dann sinnvoll, wenn Sie es meinen Kunden erleichtern, meine fachliche Qualifikation als professioneller Berater einzuschätzen.
Weiterhin viel Erfolg in Ihrer Arbeit!
Reinhard Fukerider: Ihre Bemühungen nach einem Zertifikat kann ich nachvollziehen. Meines habe ich über eine Coachingausbildung bei der DgfC bekommen. Weder die Zugehörigkeit zu diesem Verband noch das Zertifikat über Herrn Prof. Geisler (www.coach-gutachten.de) haben mir Vorteile in der Akquise geboten. Meine Aufträge bekomme ich zu 99% über Weiterempfehlung, weil die KundInnen die Qualität meiner Arbeit schätzen, und da fragt keiner, welchem Verband ich angehöre.
Ähnlich geht es mir im Bereich Supervision: Ich habe da eine Zusatzqualifikation, die nicht von der DGSV anerkannt ist. Auch ohne DGSV-Stempel werde ich als Supervisor gebucht.
Für den Bereich der Akquise fällt meine Verbandszugehörigkeit zur DGfC oder anderen Berufsverbänden also nicht ins Gewicht, trotzdem finde es wichtig, mich zu vernetzen und die Bemühungen um Qualitätsstandards im Bereich Coaching über die Mitgliedschaft in einem Coachingverband zu unterstützen. Außerdem habe ich darüber schon interessante Menschen kennengelernt und neue Impulse für meine Arbeit bekommen.
Irgendwie gehört es m.E. auch zum guten Ton, einem Verband anzugehören. Mein persönlicher Qualitätsstandard ist, mich und meine Arbeit im Rahmen kollegialer Beratung oder durch Teilnahme an einer Coachinggruppe von Zeit zu Zeit überprüfen zu lassen.
Wenn Sie es nicht schon getan haben, schauen Sie sich doch die Aufnahmebedingungen der einzelnen Coachingverbände nochmal genau an; manchmal gibt es ungeahnte Möglichkeiten für Quereinsteiger.
Marion Mirswa: Ein fehlendes Ausbildungszertifikat ließe sich durch entsprechende Fortbildungen ausgleichen. Meiner Erfahrung nach kann man mit den Lehrtrainern,-coaches, -supervisoren klären, ob die mitgebrachten Voraussetzungen für eine Fortbildung/Teilnahme ausreichen und dann quer einsteigen.
Regelmäßige Fortbildungen sind sowieso ein Muss - als Coach mehr noch denn als TrainerIn. Die Sicherung der eigenen Qualität ist wichtig und richtig, um trotz oder gerade wegen der Erfahrung immer wieder zu reflektieren, aufzufrischen und Neues zu integrieren. Ansonsten besteht die Gefahr einer "Betriebsblindheit". Selbstreflexion gehört doch zu den wichtigsten Aufgaben eines Coaches! Dafür bieten sich entsprechende Fortbildungen an.
Zu den Verbänden: Man muss sich sehr genau ansehen, was diese wollen - ob die Motivation tatsächlich in der Qualitätssicherung liegt oder im Generieren von Fortbildungen oder auch als Marketing-Instrument eingesetzt wird. Wenn ein Verband interessiert, gibt es sicher die ein oder andere Veranstaltung, an der man sich persönlich einen Eindruck verschaffen kann. Im Zweifelsfall anfragen. Da ließe sich auch klären, welche anderen Nachweise akzeptiert werden können. Ich hoffe doch, dass zumindest der ein oder andere Verband hier mit gesundem Menschenverstand und Fachkompetenz agiert. Schließlich garantiert auch ein Zertifikat noch keine ausreichende Kompetenz. So gibt es auch hin und wieder Mitglieder in Verbänden/Vereinigungen, bei denen Beziehungen über die Mitgliedschaft entscheiden und weniger die Kompetenz.
Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.