| 303. Anfrage vom 3.08.2008 |
Wie komme ich zu einer vernünftigen Entscheidung bzgl. der weiteren beruflichen Laufbahn?
Ich bin 40 und derzeit als Trainee (postdoc) der Forschung im Ausland, das allerdings bereits seit 5 Jahren und ein Fortschreiten in der Karriere ist notwendig, weil ich Familie habe (mit Kindern), die Bezahlung niedrig ist und die Stelle ausläuft. Die Arbeit macht mir derzeit Spaß, denn als postdoc/trainee hat man keine echte eigene Verantwortung und kein eigenes Budget einzuwerben und zu verwalten. Die Optionen sind:
in der (akademischen) Medizin zu bleiben: ist in Deutschland schlecht bezahlt und unattraktiv, aber vertraute Umgebung.
In Europa in der akademischen Medizin zu bleiben: ist arbeitstechnisch besser, jedoch ist man erfolgsabhängig und muss Gelder einwerben, was nicht immer funktioniert. Was passiert , wenn das nicht klappt, ist offen und unsicher.
Weitere Option wäre Industrie: Arbeitsplatz wohl auch ok und gut bezahlt, mit der Unsicherheit, dass man bei Fusionen (häufig) auch rausfliegen kann.
Vom den Arbeitsgebieten macht mir vieles Spaß und vorstellen kann ich mir einiges.
ZU den genannten Optionen kommt noch das Problem, ob ich das in Übersee (USA) oder Europa angehe, was auch recht schwierig zu entscheiden ist.
Das größte Hindernis für eine gute Lösung:
Ich kann mir im Grunde alles Mögliche vorstellen zu tun und denke, ich kann in vielen Gebieten reüssieren, was mir in der Vergangenheit auch stets gelungen ist. Es ist zwar schade, aber manchmal wünsche ich mir, es sage mir jemand, was ich machen soll. Die Performance macht mir dann meistens keine Probleme und ich ziehe Nutzen aus der Anerkennung.
Ich gebe im Job immer das Beste und tue, was gefordert ist. Problem ist , dass ich mich stets vor der Entscheidung drücke, was der nächste Schritt ist. Ich öffne viele Optionen, d.h. bewerbe mich viel und networke gut. Dabei fühle ich mich hervorragend. Wenn es dann aber ans konkrete Entscheiden geht, dann geht es mir schlecht und ich komme nicht zu Potte.
Das hat mir auch schon bei dem ein oder anderen den entsprechenden Ruf eingebracht, sprich bestimmte Chefs, die mir bekannt sind, würden mich dennoch nicht anstellen ob der Tatsache. Das Zaudern beginnt also, mir Optionen zu verstellen.
Ein weiteres Problem ist, dass das Interesse häufig wechselt. Wenn die Forschung gut klappt, dann bin ich ganz motiviert, den Pfad weiterzugehen. Das allerdings wechselt sich ab mit Phasen, wo ich denke, ich habe genug, ich gehe in die Industrie , wo ich entsprechend auch entohnt werde, und \"Sinnvolles\" am Ende des Tages getan habe.
Trotz Auflisten von positiven und negativen Aspekten komme ich nicht wirklich weiter. Drum hänge ich auch bereits seit 2 Jahren in der Luft und trete auf der Stelle. Dabei ist mir klar, dass es weitergehen muss. Ich kann viele Leute befragen, aber auch das hilft meist nicht weiter. Das Festlegen ist mir fast unmöglich und macht mir sogar psychosomatische Beschwerden.
Vielleicht haben Sie Rat.
Die Antworten der Coachs:
Jörg Middendorf: Vielen Dank für die Schilderung Ihrer Situation. Ich kann mir gut vorstellen, dass mit so viel Optionen und den vielen Aspekten, die für die eine oder andere Alternative sprechen, die Entscheidung nicht leicht fällt.
Dazu kommt noch, dass Sie offensichtlich in vielen Bereichen erfolgreich sein können und sich schnell in neue Aufgaben einfinden. Wenn man nur eine Sache kann und nur wenig Auswahl hat, fällen sich Entscheidungen eben leichter. Die Frage ist nun, wie Sie zwischen all den Optionen den Weg wählen, der sich als der für Sie beste herausstellen wird. Diese Frage lässt sich leider nicht beantworten, da mit jeder Wahl für einen Weg ein anderer Weg eben nicht gegangen wird. Und vielleicht wäre der ja der bessere gewesen...
Es gibt also eine Unsicherheit, mit der wir bei jeder Entscheidung leben müssen - egal wie entscheidungsfreudig oder gut vorbereitet wir an die Sache herangehen. Was mir allerdings bei Ihrer Beschreibung nicht ganz klar geworden ist, sind Ihre persönlichen Vorstellungen von Ihrem beruflichen Leben. Bevor Sie die Frage beantworten können: "Was soll ich als nächstes tun?" wäre es wahrscheinlich hilfreich zu wissen, was Sie überhaupt tun wollen. Da kommen wir zur berühmten 10-Jahres-Frage: "Wie wollen Sie in 10 (oder auch 15 und 20) Jahren leben?" Und das nicht nur bezogen auf Ihren Beruf, sondern auch bezogen auf Ihre Familie, Ihre Bekannten und Freunde, Ihre Interessen neben dem Job, der Umgebung, etc. Wie soll Ihr Leben aussehen?
Und wenn die Frage etwas zu groß ist für den Anfang, können Sie sich auch überlegen, wie es nicht aussehen soll. Wie möchten Sie auf keinen Fall leben? Vielleicht ist es einfacher die Frage nach dem "Wie will ich leben?" anschließend zu beantworten.
Gehen Sie also, wie bei einem guten Projekt, vom Ziel aus vor: Was soll in 10 Jahren sein? Wenn ich das erreichen will, was müsste dann in 5 Jahren sein? Und wenn ich das erreichen will, was sollte ich als nächstes in die Wege leiten?
Solche Fragen lassen sich übrigens am besten im Dialog besprechen. Mit dem eigenen Partner, Freunden oder auch einem Coach. Dabei ist es übrigens nicht wirklich wichtig, ob Sie das Ziel in 10 Jahren erreichen (was allerdings oft einfach so passiert, auch wenn man das Ziel gar nicht mehr präsent im Kopf hat). Viel wichtiger ist es, dass Ihnen diese Vorstellung eine Orientierung für das Hier und Jetzt ermöglicht. Auch Schiffe nutzen Leuchttürme zur Navigation, ohne sie jemals zu erreichen (dann würde es ja krachen...) und kommen dadurch zum Ziel.
Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen gute Gespräche über Ihre Vorstellungen vom Leben in 10 Jahren!
Tilman Kiehne: Dies ist für mich eine Anfrage, die für mich an der Grenze zwischen Coaching und Therapie liegt. Aber als Mediziner werden Sie ja (hoffentlich) wissen, warum Sie den Coach bevorzugen...
"Ich gebe am Job immer das Beste und tue, was gefordert ist." - "Meine Arbeit macht mir derzeit Spaß, denn als Postdoc/Trainee hat man keine echte eigene Verantwortung." - "Ein Fortschreiten in der Karriere ist notwendig, weil ich Familie habe (mit Kindern), die Bezahlung niedrig ist, und die Stelle ausläuft."
Bei diesen Formulierungen und etlichen anderen ließe sich wunderbar anknüpfen. Nach dem Lesen des Satzes "Ich kann viele Leute befragen, aber auch das hilft meist nicht weiter" aber habe ich mich für ein anderes Vorgehen entschieden.
Anders. Offener. Spielerischer.
Ein Tausendfüßler - nennen wir ihn Anton -, gefragt, wie er denn eigentlich seine tausend Beine beim Laufen koordiniere, wurde durch diese Frage so verwirrt, dass er in der Folge tatsächlich nicht mehr laufen konnte.
- Wo lief Anton in dem Moment herum, als er gefragt wurde?
- Wer stellte Anton die Frage?
- Wieso ließ Anton sich durch die Frage so verwirren?
- Warum hatte Anton vor der Frage laufen können?
- Wie lernte Anton später wieder laufen? (Dass er es wieder lernte, ist verbürgt ...)
- Was machte Anton, als er wieder laufen konnte?
Ich wünsche Ihnen, dass das Nachdenken über Antworten auf diese Fragen Sie auch bei der Suche nach Antworten auf Ihre Fragen weiter bringt.
Viel Erfolg und alles Gute!
Marion Mirswa: Vielen Dank, lieber Anfrager, für Ihr entgegengebrachtes Vertrauen. Gemäß dem Spruch "Es gibt keine Zufälle" fällt mir sofort ein ZEIT-Artikel ein, den ich vor wenigen Tagen gelesen habe. Es ist ein persönlicher Erfahrungsbericht eines Wissenschaftlers zur beruflichen Laufbahn. Hier der
Link.
Nun zu Ihrer Anfrage und einigen sich für mich daraus ergebenden Fragen und Gedanken:
Sie schreiben "zu einer vernünftigen Entscheidung": Was ist eine vernünftige Entscheidung für Sie? Gibt es das? Seit Descartes (17. Jahrhundert) folgen wir dem Leitsatz: "Ich denke also bin ich." Die aktuelle Hirnforschung besagt etwas anderes:
Antonio Damasio hat in Folge seiner Forschungsergebnisse den Satz geprägt: "Ich fühle also bin ich". Emotionen und Gefühle sind für gute Entscheidungen unerlässlich, so der Konsens der Wissenschaftler. Wen wundert es da, dass rationale Pro/Contra-Listen alleine unbefriedigende Ergebnisse liefern beziehungsweise Menschen sich trotz ausreichender Faktenanalyse bei Entscheidungen schwer tun. Der Kopf ist nur ein Teil, es gibt auch noch den Körper und die Seele, die bei rein rationalen Überlegungen unzureichend berücksichtigt werden.
Sie schreiben "Das Festlegen ist mir fast unmöglich und macht mir sogar psychosomatische Beschwerden." Meldet sich hier der Körper zu Wort? Genauso wie man nicht nicht kommunizieren kann (Paul Watzlawick), kann man nicht nicht entscheiden. Denn keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung - die Entscheidung, erst einmal keinen aktiven Einfluss zu nehmen und andere entscheiden zu lassen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Welt sich bewegt, gibt es keinen Stillstand. Keine Entscheidung wäre demnach unveränderbar. Es wird wieder neue Situationen und damit andere Entscheidungen geben. Was macht Entscheiden dann so schwierig? Entscheiden für etwas bedeutet immer auch entscheiden gegen etwas und damit scheiden von etwas. Außerdem einen ersten Schritt in eine Richtung, die noch nicht weit genug einsehbar ist.
"... was mir in der Vergangenheit auch stets gelungen ist". "... Performance macht mir dann meistens keine Probleme ..." Auf sich und Ihre Fähigkeiten können Sie sich also verlassen. Doch wie steht es um die Übernahme von Verantwortung? "Die Arbeit macht mir Spaß, denn als postdoc/trainee hat man keine echte Verantwortung und kein echtes Budget einzuwerben und zu verwalten." Ein besser bezahlter Job ist in der Regel mit mehr Verantwortung verbunden. Verantwortung bedeutet meist auch Risiken einzugehen. Da gibt es keine absolute Sicherheit, es gibt nur ein mehr oder weniger kalkulierbares Risiko. Der Schritt raus aus der vertrauten Umgebung ist ein Risiko, das Sie mit Familie auch nicht alleine tragen. Wie geht es Ihrer Frau bei diesem Gedanken? Wie würde sie welche Entscheidung mittragen?
Vielleicht mögen Sie sich zwei Szenarien vorstellen und für beide die nachfolgenden Fragen durchgehen: Erstens: Sie gehen in die Industrie, zweitens: Sie entscheiden sich für`s Ausland. Was könnte jeweils in fünf Jahren anders sein? Wie könnte da die Zukunft aussehen? Wie eine Arbeitswoche? Wie sieht so eine Szene aus, in der es Ihnen gut geht? Wie sieht Ihr Leben da aus? Was ist der Inhalt? Was macht Ihre Familie? Was tun Sie in Ihren Augen Sinnvolles? Wie fühlt sich das an? Wo und wie am Körper spüren Sie, dass es Ihnen gut tut? Wie wäre es, wenn Sie sich Zeit nehmen würden, um in Ihren Körper und in Ihre Seele hineinzuhören - vielleicht mit Musik, in der Natur, in Meditation ..., spüren, was gut tut, Vertrauen entwickeln, Raum schaffen und zulassen, Intuition einbeziehen. Sie schreiben "... und Sinnvolles am Ende des Tages getan habe." Was wäre Sinnvolles für Sie?
Und nun - wenn Sie möchten - stellen Sie sich bitte vor, wie es Ihnen geht, wenn Sie keine Entscheidung treffen. Wie fühlt sich das an? Wo spüren sie das in Ihrem Körper?
Vielleicht möchten Sie zwischen den drei Szenen wechseln und sich noch mal einfühlen, welche davon sich für Sie am besten anfühlt, vielleicht stellen Sie sich diese Szene auch vor dem Schlafengehen vor - oder nach dem Aufwachen. Was stimmig ist, fühlt sich besser an.
Wenn wir uns unser Leben als Weg vorstellen - vielleicht verglichen mit einem Wandernetz, dann gibt es zahlreiche Weggabelungen, manche führen uns woanders hin, manche wieder zurück, manche ermöglichen eine wunderbare Aussicht, manche sind beschwerlich, manche schön. Manchmal - an besonders schönen oder an besonders schwierigen Stellen - bietet sich eine Rast an, ein Ankommen, ein Verschnaufen, ein Rückblick, ein Genießen, ein Nachspüren ... dann kann sich der Blickwinkel ändern, die Sicht wird vielleicht weiter, manchmal wollen wir noch etwas genießen, manchmal eröffnet sich uns das Ziel oder ein neues Ziel und wir wollen weiter oder auch noch einmal ein Stück zurück. In Extremsituationen nehmen wir unseren Körper wahr.
Vielleicht sollten wir lernen, ihn bereits vorher wahrzunehmen und mit ihm zu kommunizieren.
Ich hoffe, dass diese Gedanken hilfreich waren und wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem Weg.
Wir freuen uns über weitere Anmerkungen und Kommentare zur Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.