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  304. Anfrage vom 7.10.2008

 Anfragen  ::   304. Anfrage vom 7.10.2008


Was tun, wenn niemand die Verantwortung übernehmen will?

In meiner Arbeit (pflegerischer Bereich) gibt es in meinem Team nur wenig Eigenkompetenz unter den Mitarbeitern. Dementsprechend wird ständig versucht, Verantwortung abzugeben (vor allem unterschwellig). Passiert nun etwas, wird versucht, die Schuld auf das gesamte Team oder zumindest auf andere umzulenken. Diese Vorgehensweise wird von fast allen Mitarbeitern betrieben. Ich vermute, jeder verspricht sich hieraus Schutz.

Da ich Mitglied dieses Teams bin, habe ich Angst, Verantwortung für Dinge zu übernehmen, für die ich nicht beauftragt worden bin. (In letzter Zeit kam es häufiger zu Stürzen von Patienten, die teilweise auch geklagt haben)

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:

Viele Mitarbeiter sind schon etwas älter (über 50) und arbeiten schon Jahrzehnte mit dieser Strategie. Das führt dazu, dass sie kaum bereit sind ihre Verhaltensweisen zu ändern.



Die Antworten der Coachs:

Detelf Schmidt: Sie beschreiben eine für Sie belastende berufliche Situation, finden mögliche Gründe, weshalb die Situation so ist wie sie ist (hohes Durchschnittsalter, wenig Motivation zur Veränderung, Schutzbedürfnis), aber Sie stellen uns keine konkrete Frage.
Das ist schade, denn daher kann ich nur vermuten, was Sie mit Ihrer Anfrage an uns erreichen möchten.

Ohne konkrete Frage durch Sie habe ich nämlich jetzt ein Problem: Wenn ich meiner Coach-Antwort meine Vermutungen zugrunde lege, was Ihr Ziel Ihrer Anfrage an uns sein könnte, dann kann ich einen Glückstreffer erzielen und Sie sagen sich dann beim Lesen "Ja super, der hat mich genau verstanden!" Es könnte aber auch andersherum kommen und ich liege mit meiner Antwort aber so dermaßen daneben, dass Sie sich beim Lesen erregen: "Was bildet der sich ein, mir solch eine Antwort zu geben! Um das, was der da vermutet hat, ging’s mir nun wahrlich nicht!"
Die Gefahr, mit meiner Coach-Antwort auf Grundlage einer Vermutung falsch zu liegen, ist ungleich größer als die Chance auf einen Treffer. Bei dieser Unsicherheit wäre es wahrscheinlich besser, gar keine Antwort zu geben oder maximal bissel rumzueiern nach dem Motto: viel geredet, aber nix genaues gesagt, auf das mich jemand festnageln kann!

Könnte es sein, dass ich gerade vor genau der gleichen Problematik stehe wie Sie in Ihrem Team bzw. Ihr Team untereinander? Devise: Bevor ich etwas falsch mache, mache ich lieber gar nichts! Und wenn ich doch nicht drumherum kommen sollte, etwas zu machen, dann kann ich mich wenigstens – falls es schief geht – hinter einer unklaren Aufgabenstellung oder ungenau beschriebenen Verantwortlichkeiten verstecken!
Für mich ebenfalls sehr auffällig: In Ihrem Text erscheint an keiner Stelle ein Hinweis darüber, dass es irgendeine Form von strukturierender Hand, sprich Führung, gibt. Bedeutet dies, dass WBL, PDL, Stationsleitung etc. vor dieser Problematik die Augen verschließen?

Besser wäre es ja, ich könnte Sie sehr konkret fragen: Was genau möchten Sie von uns Online-Coachs? Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Anfrage?
Und wenn Sie diese Art einer konkreten Fragestellung auf Ihr Team übertragen, könnten daraus Fragen werden wie:
  • Was genau erwarten wir voneinander?
  • Welche Verantwortlichkeiten sollten (neu) verteilt werden und an wen?
  • Welche Rahmenbedingungen müssten wir hierfür verändern?
  • Welche unserer Verhaltensweisen müssten wir hierfür verändern? usw.
Je konkreter ein Anliegen/ eine Frage formuliert ist, desto konkreter werden die Antworten bzw. Reaktionen sein können. Der Lohn solch konkreter Auseinandersetzung könnte z.B. darin bestehen, nicht mehr soviel Energie in das sich verstecken (bspw. hinter "Schuldigen") und in die Sicherung des Schutzbedürfnisses investieren zu müssen.
Möglicherweise müssen Sie in Ihrem Team erst erlernen, mit solch konkreten Fragestellungen umgehen zu können. Daher ist Ihre Schilderung für mich ein klassisches Thema für eine Team-Supervision. Vielleicht wären Führung und Mitarbeiter/innen hierfür sogar bereit, wenn der Lohn dafür als attraktiv angesehen wird. Und Sie würden Ihr Anliegen, welches es auch immer sein mag, sehr wahrscheinlich geklärt bekommen.
Bis dahin wäre sicher genau das geschickt, was Sie in Ihrem letzten Abschnitt benennen: Verantwortung zu übernehmen, wenn Sie konkret und offiziell (durch Vorgesetzte bzw. Ihren Arbeitsvertrag inkl. Aufgabenbeschreibung) beauftragt worden sind!
Ich wünsche Ihnen hierfür das Beste.


Reinhard Fukerider: Wenn ich Ihre Anfrage richtig verstehe, gehören Sie zu den jüngeren KollegInnen unter den 50-jährigen im Team. Sie sind bereit Verantwortung zu übernehmen und möchten erreichen, dass die älteren KollegInnen eigenverantwortlicher handeln als bisher. Außerdem scheinen Sie in Gefahr zu stehen, mehr Verantwortungzu übernehmen, als Ihnen gut tut.
Zu Ihrer Problemstellung sind mir folgende Fragen eingefallen:
  1. Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Alten und Jungen in Ihrem Team? Bringen Sie sich untereinander Wertschätzung entgegen oder werten Sie sich gegenseitig ab?
  2. Personalmangel, jahrelanger physischer und psychischer Stress, ungklärte Konflikte führen oft zu Burnout oder zu Überlebensstrategien wie Dienst nach Vorschrift ohne emotionale Einlassungen oder hoher Fluktuation oder hohem Krankenstand. Worunter leiden Ihre KollegInnen? Was führt sie dazu, so zu handeln, wie sie handeln?
  3. Was brauchen Sie und Ihre KollegInnen an Schutz, Unterstützung, Anforderung und Konfrontation durch die Teamleitung?
  4. Sieht die Teamleitung das Problem? Wie führt, motiviert, kontrolliert und delegiert die Teamleitung?
Für Ihre eigene Reflexion kann vielleicht folgende Frage weiterhelfen: Was müssen Sie selber tun, um genauso zu werden wie Ihre KollegInnen?
Machen Sie dazu mal ein Brainstorming (alle Einfälle sind erlaubt, keine Selbstzensur!). Sie wissen mit Sicherheit, was Sie tun müssen, um dahin zu gelangen, wo Sie Ihre KollegInnen wähnen.
Wenn Sie die gefundenen Aussagen ins Positive wenden, erhalten Sie auf diese Art und Weise Ihre Agenda, um das zu verhindern.
Noch zwei Tipps:
  1. Bleiben Sie achtsam für die Grenze Ihrer Verantwortung. Überspringen Sie sie nicht ständig, sonst schaden Sie sich selber!
  2. Machen Sie sich klar, dass Sie Ihre KollegInnen und das Team nicht gänzlich verändern können! Sie können Impulse für Veränderung setzen, nicht mehr und nicht weniger! Passen Sie dabei auf, dass Sie sich und andere nicht beschädigen!
Eine letzte Anregung: Suchen Sie vielleicht das Gespräch mit der Teamleitung und/oder überlegen Sie, das Thema mal in einer Dienstbesprechung anzugehen!
Hoffe, dass die ein oder andere Anregung für Sie dabei ist!


Tilmann Kiehne: Ein Merkmal eines guten Teams ist Anpassung, ja. Aber ein Team kann sich nur weiterentwickeln in der Balance zwischen der Aufnahme neuer Anregungen und dem reflektierten (!) Beibehalten bewährter Verhaltensweisen. Das wissen Sie offenbar, und deshalb kann ich die erwähnte Begründung Ihrer Angst, Verantwortung zu übernehmen - "da ich Mitglied dieses Teams bin" - nicht wirklich ernst nehmen. Sie scheint mir einfach nicht Ihre Selbstwahrnehmung widerzuspiegeln. Ich empfinde es eher so, dass Sie sich dahinter ein wenig verstecken - und frage mich: Ist das wohl eine Folge der Anpassung an das von Ihnen geschilderte Teamverhalten? Und: Haben Sie das nötig? Denn mir ist durchaus aufgefallen, dass Sie nach der Schilderung am Anfang - die weitgehend im Passiv verfasst ist, was sehr schön zu der Lähmung passt, die Sie darin beschreiben! - im zweiten Teil Ihrer Anfrage zu einer aktiven Darstellung wechseln.

Im Grunde, so scheint es mir, ahnen Sie selbst schon eine Lösung, die Sie sich selbst nur noch nicht einzugestehen wagen: Eine(r) muss den/die Vorreiter(in) machen. Und vielleicht müssen Sie es sein - ich jedenfalls empfinde es so, dass Sie kurz davor zu stehen, die Anpassung zu durchbrechen. Natürlich kann es nach jahrelang eingeschliffener Routine schwierig werden, Dinge zu ändern. Andererseits kann gerade nach Jahren der Routine ein Abweichen von dieser Routine auch als ungeheuer befreiend erlebt werden. Und wer über 50 ist, muss nicht allein schon deswegen starr sein und grundsätzlich abgeneigt, Veränderungen anzugehen. (Wie alt sind Sie selbst? Und wie viele Ihres Teams unter 50? Leider geht das aus der Anfrage nicht hervor ...). Auch mag es schwierig erscheinen, sich in einem Team, wie Sie es beschreiben, aus der Deckung zu wagen. Aber vielleicht werden Sie feststellen, dass Sie schnell Mitstreiter(innen) finden, wenn Sie Ihr Thema ansprechen - Könnte es nicht sein, dass nicht nur Sie allein das Unbehagen verspüren, dass Sie beschreiben?
Ich wünsche Ihnen Mut, Mut, MUT, den ersten Schritt zu wagen.


Marion Mirswa: Vielen Dank für die kurze Beschreibung. Um ein Problem herauszuarbeiten, gibt es die Möglichkeit: "Sag es kürzer." Ich erlaube mir, einen Ihrer Sätze herauszugreifen: "Ich habe Angst, Verantwortung zu übernehmen, für Dinge, für die ich nicht beauftragt worden bin."

Angst ist etwas sehr Positives - wenn auch unangenehm. Sie signalisiert, dass hier etwas nicht stimmt. Unser Körper, unsere Intuition gibt damit zu erkennen: Achtung!
In welchen Situationen spüren Sie die Angst und wie macht Sie sich bemerkbar? Wie würde es Ihnen in einer anderen Abteilung oder unter einer anderen Leitung oder mit einer anderen Tätigkeit gehen? Was müsste sich ändern, müssten Sie ändern, damit sich Ihre Angst reduziert?

Haben/hatten Sie auch in anderen Situationen Angst vor Verantwortung oder tritt das nur bei dieser Tätigkeit einzigartig auf? Wenn ja, in welchen Zusammenhängen? Woher wissen Sie, dass andere versuchen, Verantwortung abzugeben - oder ist das Ihre Vermutung? Wenn Sie sich die anderen Mitglieder einzeln vorstellen, in welchen Situationen reagiert wer wie? Wie würden Sie an dessen/deren Stelle reagieren? Werden von Ihnen Dinge/Tätigkeiten verlangt oder glauben Sie, dass Dinge verlangt werden, die Ihre Kompetenz überschreiten und die Sie gar nicht machen dürften? Im Pflege- und Krankenhausbereich gibt es gesetzliche Vorschriften, werden diese eingehalten? Wie lange sind Sie schon in dieser Funktion auf dieser Stelle und wie hat es sich seit wann entwickelt?

Was ist der schlimmste Fall, den Sie sich hierbei vorstellen können? Was der zweitschlimmste? Was würde passieren, wenn einer dieser Fälle eintreten würde? Welche Möglichkeiten haben Sie, hätten Sie, zu handeln? Ich hoffe, ich kann Ihnen mit diesen Fragen einige Anregungen geben und wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem Weg.

Wir freuen uns über weitere Kommentare zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 

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