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  306. Anfrage vom 24.1.2009

 Anfragen  ::   306. Anfrage vom 24.1.2009


Wie kann ich meine Zurückhaltung gegenüber meinem Vorgesetzten ablegen?

Ich bin Führungskraft im Verkauf und verantwortlich für ein Verkaufsgebiet mit ca 100 Mitarbeitern. Dieser Job macht mir großen Spaß, ich erreiche gute Ergebnisse und komme mit meinen Mitarbeitern gut klar. Mein Problem entsteht bei Gesprächen mit meinen Vorgesetzten oder in neuen Situationen.

Dann bin ich sehr zurückhaltend, in Besprechungen bleibe ich auch oft ruhig, obwohl ich gerne mehr zu den Themen sagen würde. Mein Vorgesetzter schätzt meine Arbeit sehr, hält jedoch häufig Termine mit mir nicht ein, wenn ein Gespräch ansteht, oder vergisst mich ganz einfach.

Das größte Hindernis für eine gute Lösung:

Meine Zurückhaltung gegenüber Vorgesetzten.


Detlef Schmidt: Haben Sie vielen Dank für Ihre Schilderung. Vornweg zunächst als kleine Beruhigungspille für Sie: Es ist aus meiner Sicht völlig normal und oft ja auch angemessen, dass Menschen in für sie neuen Situationen oder im Kontakt mit Vorgesetzten zurückhaltend sind. Wenngleich sich diese Zurückhaltung im Regelfall Stück für Stück auflöst, sobald Situationen oder Menschen einem vertrauter werden.

Nun zu meiner Coach-Antwort. Es ist ja immer sehr hilfreich, sich bei einer Antwort auf eine konkrete Fragestellung beziehen zu können. Nun stellen Sie uns jedoch keine solche Frage. Und weil Sie dieses jetzt auch nicht mehr nachholen können, ziehe ich mit meinen folgenden Äußerungen mal einen Satz aus Ihrer Schilderung heraus, der mir wichtig zu sein scheint. Ich hoffe natürlich, damit bei Ihnen einen Treffer zu landen.
Mich machte nämlich Ihr letzter Satz hellhörig: "Mein Vorgesetzter schätzt meine Arbeit sehr, hält jedoch häufig Termine mit mir nicht ein... oder vergisst mich ganz einfach." Hier verspürte ich beim Lesen einen Widerspruch: Wertschätzung einerseits und Abschätzigkeit andererseits. Es liest sich so, als bekämen Sie von Ihrem Vorgesetzten zwei gegensätzliche Botschaften vermittelt. Die eine heißt: Sie sind wichtig! Die andere heißt: Sie sind unwichtig! Und ich vermute mal zugunsten Ihres Vorgesetzten, dass er sich dieser gegensätzlichen Botschaften gar nicht bewusst ist...

Möglicherweise beeinflusst Sie dieser Widerspruch aber stärker als Sie ahnen. Ihre Zurückhaltung könnte dann die (unbewusste) Folge dieses Widerspruches sein: Weil ich mir nicht sicher bin, ob meine Meinung wirklich gewünscht ist oder ernstgenommen wird, halte ich besser mal meinen Mund!
Sofern Sie Ihre Zurückhaltung mindern oder gar ablegen wollen, wäre ein intensiver Blick auf Ihre Arbeitsbeziehung zu Ihrem Vorgesetzten sinnvoll. Dazu die Klärung von Fragen wie bspw., welche Erwartungen Sie an ihn haben und er an Sie hat, welchen Widerspruch (falls Sie meinen Eindruck teilen!) Sie erleben, welche Wirkung dieser in Ihnen erzeugt und wie Sie beide künftig Ihre Arbeitsbeziehung gestalten wollen bzw. gestalten sollten, um diesen Widerspruch aufzulösen. Den intensiven Blick auf die Arbeitsbeziehung können Sie zunächst in Selbstreflexion leisten oder mit einem Ihnen vertrauten Menschen als Zuhörer und Feedbackgeber. Schlussendlich allerdings ist dieses Thema logischerweise nur im direkten Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten zu klären.

Soweit meine Gedanken zu Ihrer Situationsschilderung. Sollten Sie in meinen Äußerungen einen Aspekt entdeckt haben, der Sie weiterbringt, würde es mich sehr freuen. Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Erfolg.


Reinhard Fukerider: Vielen Dank für Ihre Anfrage! Sie beschreiben sich als eine erfolgreiche Führungskraft, die ihre Stärken in der Mitarbeiterführung bzw. – motivation sowie im Verkauf und Spaß am Job hat. Gleichzeitig problematisieren Sie Ihre Zurückhaltung in Meetings, bei neuen Situationen und bei Gesprächen mit dem Chef. Von letzterem werden Termine nicht eingehalten und es entsteht das Gefühl bei Ihnen, einfach übersehen zu werden. Bei dieser Beschreibung könnte man über das Verhalten des Chefs spekulieren:

Ist Ihr Chef vielleicht grundsätzlich etwas "schusselig" und passiert das auch mit anderen Mitarbeitern?
Verhält er sich absichtlich so Ihnen gegenüber?
Ist er vielleicht so überzeugt von Ihrer Arbeit, dass er denkt: Das läuft doch alles. Da brauche ich mich weiter kümmern. Der macht das schon?!

Viel spannender ist es, über das von Ihnen formulierte größte Hindernis für eine gute Lösung nachzudenken:
Ihre Zurückhaltung gegenüber Vorgesetzten. Zunächst beschreibe ich das Bild, das ich mir von Ihnen aus den wenigen Zeilen mache:
Sie scheinen sich vorsichtig an Neues heranzutasten und sich nicht blindlings in unkalkulierbare Risiken zu stürzen. In Meetings verhalten Sie sich vielleicht eher wie ein scheues Reh und/oder Sie wollen es vielleicht allen Recht machen. Vom Chef möchten Sie nicht nur als Person und mit Ihrer Leistung gesehen werden, sondern Sie möchten sich auch ernst genommen fühlen, was sich z.B. durch die Einhaltung von Absprachen ausdrückt.

Meine Ideen und Impulse:
Im Kontakt zu Vorgesetzten wiederholen sich manchmal Verhaltensmuster, wie Sie jeder von uns aus dem Kontakt zu Vater und/oder Mutter kennt. Überprüfen Sie sich mal auf dieser Ebene, ob sich da u. U. ein altes Verhaltensmuster wiederholt! Falls ja, machen Sie sich bewusst, dass Sie jetzt als Erwachsener und nicht mehr als Kind oder Jugendlicher handeln müssen. Distanzieren Sie sich von den Gefühlen von damals und treten Sie als Erwachsener einem anderen Erwachsenen (Ihrem Chef) gegenüber!

Wenn sich Ihr Chef weiterhin so verhält, probieren Sie doch auf freundliche und bestimmte Weise auf der Einhaltung wichtiger Termine zu bestehen. Bleiben Sie da etwas hartnäckig, aber auch nicht zu penetrant. Das mögen die meisten Chefs nicht! Sollte es sich bei Ihnen um ein hartnäckiges Verhaltensmuster handeln, das Sie selbst nicht verändern können, kaufen Sie Beratungsleistungs eines Coachs oder Therapeuten ein! Sie können letztendlich nur bei sich etwas verändern, Ihr Gegenüber werden Sie nicht verändern!

Eine ähnliche Erkundungsreise könnten Sie unternehmen hinsichtlich Ihres Verhaltens in Gruppen:
Welche Rolle spielten Sie in den unterschiedlichsten Gruppenzusammenhängen Ihres Lebens? Wiederholt sich da etwas in Ihrer momentanen Arbeitssituation?
Falls Sie auch da Spuren in Ihrer Biografie entdecken, registrieren Sie sie sorgfältig und fangen Sie an, neues Verhalten auszuprobieren. Beispielsweise könnten Sie sich zum Ziel setzen, in jeder Besprechung mindestens einmal einen Redebeitrag zu bringen, auch wenn er Ihnen noch so unbedeutend erscheinen mag.
Mehr kann ich zu Ihrer Anfrage momentan nicht sagen, dazu müsste ich Sie persönlich näher kennen. Vielleicht ist aber ein Impuls zum Weiterkommen für Sie dabei?!


Marion Mirswa: Lieber Anfrager, das ist eine ganz schön schwierige Anfrage. Als Führungskraft im Vertrieb verantwortlich für rund 100 Mitarbeitende und dann Zurückhaltung, da stutzt man erst mal. Mein erster Impuls war, ein Online-Coaching abzulehnen, da ich der Auffassung bin, das müsste man gemeinsam detailliert betrachten und dazu braucht es das Gegenüber - nämlich Sie - und vielleicht auch mehr als einen Termin. Hier empfehle ich klar ein Face-to-face-Coaching.

Dennoch möchte ich Ihnen eine Idee dazu mitteilen: Was halten Sie davon, sich Ihre innere Mannschaft aufzustellen? Ich nehme an, es gibt mehrere Stimmen in Ihnen vor einem Gespräch beziehungsweise in solch einer Situation. Personifizieren Sie diese.
Wer spricht dafür, wer dagegen? Wie viele sind es? ... Der Vorsichtige, der Rechthabende, der Weise, der Stolze, der Ängstliche, der Schauspieler, der Wächter, der Stürmer, der Mutige ... Gibt es Personen, denen Sie die jeweilige Stimme zuordnen können - unabhängig von der Realität? Es können Personen aus Ihrem Leben sein oder Film-, Romanfiguren, aus Sport oder Comic - multikulturell ... Was kennzeichnet diese Personen? Wie könnten diese auf andere wirken? Welche davon mögen Sie mehr, welche weniger? Was mögen Sie an Ihnen, was weniger? Wer ist lauter, wer leiser, wen nehmen Sie wie wahr, wen hören Sie deutlicher, wer setzt sich durch, unter welchen Umständen? Was müssten Sie tun, damit Sie eine andere Stimme deutlicher vernehmen?
Das am besten detailliert auf verschiedenen Sinnen (sehen, hören, riechen, empfinden...)

Im zweiten Schritt könnten Sie sich die Mannschaft so aufstellen, wie Sie diese gerne hätten (sozusagen Ihre Wunschmannschaft). Wer hat wo und wann die beste Position? Können Sie die Spieler als Trainer besser positionieren? Gehen Sie ein Spiel mental vorher durch. Und dann braucht es noch regelmäßiges Training und das Überwinden des inneren Schweinehundes. Ich wünsche Ihnen gutes Training und ein erfolgreiches Spiel.


Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 
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