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  308. Anfrage vom 1.2.2009

 Anfragen  ::   308. Anfrage vom 1.2.2009


Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Promotion zugunsten einer neuen Stelle abbrechen soll...

Ich bin Ärztin in der Facharztweiterbildung, und in diesem Rahmen steht nun ein Stellenwechsel an. Da ich noch eine unvollendete Doktorarbeit mit mir "herumtrage", war mein ursprünglicher Plan, diese in einer geplanten freien Zeit zwischen alter und neuer Stelle fertig zu stellen. (Neben dem regulären Job-Alltag schaffe ich das leider nicht.) In der Hoffnung auf meine Traumstelle habe ich mich erstmal nur bei einem Arbeitgeber beworben, was leider nicht geklappt hat.

Nun muss ich mich weiter bewerben - und plötzlich zweifle ich daran, ob diese Doktorarbeit wirklich eine gute Idee ist. Das hängt vermutlich mit verschiedenen Faktoren zusammen:
  • Ich habe Zeit verloren durch die erste nicht erfolgreiche Bewerbung, mein Doktorvater ist durch die zunehmende Dauer immer schlechter auf mich zu sprechen.
  • Ich müsste für eine neue Stelle ggf. auch umziehen, bzw. würde das auch in Kauf nehmen. Wenn ich dann vor dem Umzug nicht alle Daten gesammelt hätte, hätte ich auch keine Chance mehr, das zu Ende zu bringen, und die ganze Arbeit wäre umsonst gewesen. Ein sicheres Abschätzen, wie lange ich wohl brauche, ist leider nicht möglich. (Man kann einfach nicht wissen, welche Probleme in der Zwischenzeit auftauchen.)
Da ich für meinen "2. Wunscharbeitgeber" auf jeden Fall umziehen müsste, wird das Problem gerade akut. Gleichzeitig sollte ich in die Bewerbung schon meine genaue Zeitplanung schreiben. Mir fällt die Entscheidung gerade sehr schwer, so dass es überhaupt nicht vorwärts geht.

Konkret fällt mir wohl die Entscheidung gegen die aktuelle Doktorarbeit schwer, ich habe das Gefühl, sie nicht einfach "aufgeben" zu können. Obwohl ich bei vielen zukünftigen Arbeitgebern ebenfalls noch die Chance zu einer Doktorarbeit hätte.

Mein primäres Ziel ist momentan der Facharzt, mit dem Titel verbinde ich emotional eher wenig. Ich habe auch nicht das dringende Bedürfnis, eine Karriere einzuschlagen, für die der Titel Pflicht wäre (also Uni).



Das größte Hindernis für eine gute Lösung:

Ich habe Angst, einen Fehler zu machen, wenn ich mich gegen die (aktuelle) Doktorarbeit entscheide. Ich habe die Tendenz, mir immer gerne möglichst viele Wege offen zu halten, und das wäre natürlich ein klares Abschneiden eines bisher vorhandenen Weges. Wobei ich die Konsequenzen eigentlich gar nicht so schlimm finde - ich verstehe selbst nicht genau, woher diese Angst also kommt...

Die Antworten der Coachs:

Jörg Middendorf: Vielen Dank für Ihre Anfrage, die ein klassisches Dilemma enthält: Soll ich mich für oder gegen etwas entscheiden? Sowohl die eine wie auch die andere Entscheidung birgt Vorteile, aber auch Nachteile in sich. Das Problem bei solchen Entscheidungen ist, dass man schnell das Gefühl hat, dass man sich nur für das eine und gegen das andere entscheiden kann. In der Rhetorik ist dies sogar eine Falle, die Redner aufbauen, wenn Sie Ihrem Publikum zu einer Entscheidung drängen möchten: Es gibt A oder B - Was möchten Sie lieber? Die Antwort sollte in der Regel C lauten. Wenn Sie also eine fundierte Entscheidung treffen wollen, sollten Sie nach weiteren Alternativen zu der Frage "aktuelle Doktorarbeit" Ja oder Nein suchen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten dieser Situation zu begegnen, wovon ich Ihnen zwei anbieten möchte.
  1. Anstatt von der Ist-Situation aus zu gehen, können Sie auch vom Ziel aus überlegen: Was wollen Sie insgesamt beruflich erreichen? Prüfen Sie Ihre Antwort genau. Wieso wollen Sie dieses Ziel erreichen? Was gewinnen Sie, wenn Sie es schaffen? Was verlieren Sie vielleicht, wenn Sie es schaffen? Was verlieren Sie vielleicht, wenn Sie das Ziel nicht erreichen? Welche Auswirkungen hat das Erreichen Ihres Zieles auf Ihre soziale Umgebung? Wenn Sie sich dann sicher sind, was Sie beruflich erreichen möchten, schätzen Sie bitte ab, wann Sie dieses Ziel erreicht haben möchten. Was wollen Sie bis zur Hälfte der Zeit erreicht haben?
    Und dann natürlich: Was ist der nächste Schritt, d.h. der Schritt, den Sie morgen schon beginnen können? Gehen Sie diesen Schritt und prüfen, was dies in Bezug auf Ihre Entscheidung für Konsequenzen hat.
  2. Bleiben Sie bei der trügerischen Alternative Ja oder Nein. Schreiben Sie auf, was die Vorteile für Ja sind und was die Vorteile für Nein sind.
    Schreiben Sie danach auf, was die Nachteile für Ja und Nein sind. Schauen Sie sich nun die Vorteile für Ja und Nein an und überlegen Sie, welches höhere Ziel die Vorteile für Ja und Nein vereint. Welches Ziel steht letztendlich hinter den beiden Alternativen? Versuchen Sie dieses Ziel zu finden und im Auge zu behalten. Die Nachteile der Ja und Nein-Entscheidung bilden dann so etwas wie Warnlampen, die es auf dem Weg zu diesem Ziel zu beachten gilt. Das klingt in dieser kurzen schriftlichen Darstellung sicherlich etwas abstrakt, doch vielleicht wird es ja greifbar, wenn Sie es einmal ausprobieren. Am meisten Spaß macht dies natürlich im Gespräch mit einer guten Freundin oder einem guten Freund.
Auf jeden Fall wünsche ich viel Erfolg, wenn bei der Wahl der Alternative C, was immer die auch sein mag.


Tilman Kiehne: Ich möchte nur auf zwei Aspekte Ihrer vielschichtigen Anfrage eingehen (und hoffe, dass ich dabei zwei für Sie wichtige und dringende herausgelesen habe ...)
Beim Lesen Ihrer Anfrage kam mir zum einen die "ABC-Analyse" in den Sinn, eine Methode aus dem Zeitmanagement, bei der anstehende Aufgaben zunächst nach "Dringlichkeit" und “Wichtigkeit” sortiert werden. Daraus ergeben sich nach folgendem Schema

Dringend
Nicht dringend
Wichtig
A
B
Nicht wichtig
C
P


A-, B-, C- und P-Aufgaben. Die so gefundenen A-Aufgaben (dringend und wichtig) wären diejenigen, die sofort und mit größter Sorgfalt angegangen werden müssen. B-Aufgaben (wichtig, aber nicht dringend) wären delegierbar, C-Aufgaben (dringend, aber nicht wichtig) sollten zügig erledigt werden, ohne weiter darüber nachzudenken, und P-Aufgaben (weder dringend noch wichtig) - nun ja: P wie Papierkorb ...

Ich stelle mir vor, dass es hilfreich wäre, wenn Sie eine Variante dieser ABC-Analyse für Ihre Ziele (und Träume) machen. Falls Sie diese Anregung aufnehmen wollen: Machen Sie die Analyse bitte
  • schriftlich
  • allein
  • ohne Zeitdruck und
  • (eventuell) unter Zuhilfenahme eines (!) Glases guten (!) Weins.
Sehen Sie Ihre Lage danach klarer?
Zum anderen musste ich beim Lesen an ein Wort des Philosophen Epiktet denken: "Nicht die Dinge sind es, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinungen von den Dingen", und zwar an der Stelle, an der Sie schreiben: "Konkret fällt mir wohl die Entscheidung gegen die aktuelle Doktorarbeit schwer, ich habe das Gefühl, sie nicht einfach "aufgeben" zu können ... Ich habe die Tendenz, mir immer gerne möglichst viele Wege offen zu halten, und das wäre natürlich ein klares Abschneiden eines bisher vorhandenen Weges."
Was, so habe ich mich gefragt, beunruhigt Sie - zumal als Ärztin
  • eigentlich an der Vorstellung eines beendeten Weges? Und ich möchte Sie animieren, einmal anders herum zu denken:
  • Welche neuen Wege eröffnen sich, wenn Sie einen (! - und noch dazu, so wenigstens empfinde ich Ihre Zeilen, ungeliebten!) Weg "abschneiden", wenn Sie los- und zurücklassen? Und:
  • Welche neuen Wege blockieren Sie andererseits durch das Festhalten?
Ich hoffe, dass Ihnen diese Anmerkungen Stoff zum Nachdenken bieten (und dass aus dem Nachdenken heraus Lösungsansätze sprießen) und wünsche Ihnen alles Gute.





Detlef Schmidt: Vielen Dank für Ihre Schilderung. Ich habe manches daran nicht ganz verstanden, z.B., weshalb Sie sich überhaupt bewerben, wo Sie doch eine "berufsfreie" Zeitspanne zwischen alter und neuer Arbeitsstelle wollen zwecks Fertigstellung Ihrer Doktorarbeit. Okay, das wäre eine "Traumstelle" gewesen, da kommt man schon mal auf die Idee, auf eine eingeplante freie Zeitspanne zu verzichten. Das hat nun nicht geklappt, somit wäre der Weg ja wieder frei für die ursprünglich geplante freie Zeit...oder?

Sie haben die Tendenz – so schreiben Sie – sich immer gerne möglichst viele Wege offen zu halten. Wobei Sie das ja nicht konsequent durchziehen, schließlich haben Sie sich für ein Medizinstudium und damit gegen alle anderen – sicher oft auch interessanten und erfüllenden – beruflichen Richtungen entschieden.

Weshalb gerade Medizin? Wollen Sie Gutes tun und anderen Menschen helfen? Wollen Sie ein zweites Lambarene aufbauen? Hat der Mediziner in Ihrer Familie Tradition und daher wurde dieses Studium von Ihnen einfach erwartet? Wollten Sie einen Beruf, der gesellschaftlich hoch im Ansehen steht?
Kurz: Weshalb wollten Sie Ärztin werden? Ich nehme an, Sie hatten dafür ein starkes Motiv, denn gerade ein Medizinstudium macht sicher kein Mensch, nur weil ihm nix Besseres eingefallen wäre!

Bei der Beantwortung der Frage nach Ihrem Motiv landen Sie vermutlich bei Aussagen zu Ihren (Lebens-)Zielen. Jedenfalls stecken hinter derlei Motiven oftmals – und beileibe nicht immer in Gänze bewusst – größere bis große (Lebens-)Ziele.
Ihre Antworten nehmen Sie dann als Grundlage für Ihre aktuelle Problemstellung: Welcher Weg bringt mich meinen Zielen näher? Ist es Weg A? Oder Weg B? Oder gar Weg C?
Oft hilft solch eine scheinbar simple Übung bereits zur Entscheidungsfindung. Wichtig dabei ist, dass Sie immer Ihre Ziele zugrundelegen, damit Sie Ihre Entscheidungen daran ausrichten können. Für viele Menschen ist es übrigens von Gewinn, diese Übung nicht nur als reines Gedankenspiel zu betreiben, sondern sich die Antworten auf Zettel aufzuschreiben. Das lässt sich dann auf dem Tisch gut hin-und-her-schieben, nach Prioritäten legen, aussortieren usw. Noch besser, wenn Ihnen dabei ein Partner, ein guter Freund (oder eben auch ein Coach) ein wohlwollend-kritisches Feedback gibt.

Auf Ihr Thema "Angst" (vor Fehlern) gehe ich in meiner Coach-Antwort nicht ein. Da ist m.E. ein anderer Rahmen geeigneter als das "Einbahnstrassen-Online-Coaching".
Ich hoffe, dass mein Impuls Ihnen nützlich ist und wünsche Ihnen eine richtig gute Entscheidung.


Sandra Heinzelmann: Ihre Situation ist sicher vielen Menschen in der einen oder anderen Lebenssituation und Variante sehr vertraut. "Scheiden tut weh" sagt oder singt schon der Volksmund. Und Entscheidungen sind ja auch jedes Mal ein (Aus)Scheiden: Von einer oder mehreren Optionen. Ein "Ja" zu X ist dann gleichzeitig auch ein "Nein" zu Y und/oder Z. Menschen, die sich, wie Sie schreiben, immer gerne möglichst viele Wege offen halten, entscheiden sich auch. Dafür nämlich, einer klaren Entscheidung möglichst lange aus dem Weg zu gehen. Auch das ist eine Wahl: sich nicht zu entscheiden, mit allen Konsequenzen, die das hat. Eine Konsequenz ist der Entscheidungsprozess selbst, der so zu einer Belastung werden kann, die lähmt und ausbremst. Genau diesen Effekt entnehme ich Ihrer aktuellen Situationsbeschreibung.

Sie fragen sich, woher Ihre Angst rührt. Ich zitiere an dieser Stelle den Hamburger Psychotherapeuten Harlich H. Stavemann: "Der Wunsch nach Entscheidungssicherheit existiert wohl schon so lange, wie es Menschen gibt. Wer wüsste nicht gern, was sich auch künftig bewähren wird, was auch morgen und für alle Zeit richtig ist, welche Entscheidung man nie bereuen wird? Es gibt nun Menschen, die diesen verständlichen Wunsch zu einer unabdingbaren Forderung machen: ‚Ich muss wissen, was für alle Zeit richtig ist, was ich nie bereuen werde, sonst mache ich gar nichts!’ Wen wundert’s, wenn sie so nie zu Potte kommen und ihr Leben lang auf die garantiert richtige Eingebung warten? Dahinter steckt in der Regel panische Angst vor den negativen Konsequenzen einer Fehlentscheidung (…)." (Aus: Lebenszielanalyse und Lebenszielplanung in Therapie und Beratung, BeltzPVU, 2008)

Ich verstehe Sie so, dass die aktuelle Doktorarbeit samt Titel Ihnen als solche eher wenig(er) bedeutet. Diese Ausgangssituation wirkt auf mich positiv. Damit ist nämlich eine potenzielle (schwerwiegende) "Fehlentscheidung mit negativen Konsequenzen" schon im Vorfeld gebannt. Sie können es, so gesehen, nur "richtig" machen. Abgesehen davon übrigens, dass für mich die Kategorien "richtig" oder "falsch" bei Entscheidungen wenig hilfreich sind. Jede Entscheidung hat ja immer Nutzen und gleichzeitig Kosten. Es geht also darum, die Option zu finden, die uns erwünschte Vorteile bietet und nur solche Nachteile, mit denen wir gut leben können. "Perfekte Entscheidungen", in denen alles rund und richtig ist, sind Illusionen.

Macht es für Sie Sinn, ein offenes und klärendes Gespräch mit Ihrem Doktorvater zu führen? Sie haben den Eindruck, dass er durch die zunehmende Dauer immer schlechter auf Sie zu sprechen sei. Es kann Sie weiterbringen, genau dies anzusprechen, um Klarheit zu gewinnen. Entweder er bestätigt Ihren Eindruck oder Ihr Betreuer zerstreut Ihre Bedenken. Ihn in Ihre Überlegungen, Bedenken und in ihren Entscheidungsprozess mit einzubeziehen, ist in meiner Wahrnehmung sinnvoll.
Ich gehe davon aus, dass Sie während Ihres Engagements zum aktuellen Thema Dinge gelernt und/oder vertieft haben. So gesehen hat und behält die bisherige Arbeit auch einen Nutzen. Selbst wenn Sie sich für ein neues Thema an einem anderen Ort entscheiden, war ihr bisheriges Engagement alles andere als "umsonst".
Ich wünsche Ihnen, dass Sie für sich den Weg finden, sich frohen Herzens entscheiden zu können.


Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 
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