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  310. Anfrage vom 12.4.2009

 Anfragen  ::   310. Anfrage vom 12.4.2009


Soll ich noch habilitieren oder lieber eine vermeintlich interessante Stelle in der Industrie annehmen?



Ich arbeite an einer Medizinische Hochschule und bin dort relativ gesehen erfolgreich, bemessen an Pulikationen. An sich steht eine Habilitation an. Im Grunde möchte ich den Titel haben, leide aber zunehmend an der Situation in der akademischen Welt in Deutschland. Unis dienen weniger der Forschung denn als Durchlauferhitzer für Absolventen, die dann in Folge der Zeitbegrenzung am Ende in Endpositionen getrieben werden, die sie initial gar nicht wollten. Ein Langfristverbleib ist aber i.a. nur Lehrstuhlinhabern vorbehalten.
Obwohl ich weiß, dass eine Habilitation in Deutschland gar nicht wissenschaftliche oder lehrende Qualifikation bedeutet, fürchte ich, am Ende etwas nicht zu besitzen, was von Bedeutung ist (weil alle, mit denen ich mich vergleiche, das gemacht haben). Das System der Dekoration mit Titeln in Deutschland ist völlig überkommen, und z.B. im angloamerikanischen Raum völlig unbedeutend (dort wird mehr auf die Qualität als auf Titel geschaut).

Jetzt kommt mein Dilemma: Es gibt eine interessante Option in der Indutstrie, die sofort verfügbar wäre. Dafür müsste ich aber die akademische Landschaft sofort verlassen. Damit gäbe es auch keine Habil. Über Industrie habe ich schon oft nachgedacht, aber es gab keine Möglichkeit, das zu testen. Das wäre ein total anderes Arbeiten: Es zählt weniger der persönliche Erfolg als das Team, keine Patienten, uva.
Daher kann man das im Vorfeld ja gar nicht beurteilen.
Allerdings muss ich sagen, dass Industrie oder Praxis in meinem Fachgebiet ohnehin die Hauptabnehmer für Absolventen sind, aber meist sind die Leute am Ende ihrer Laufbahn eher kurzfristig getrieben, und überlegen nicht lange. Mir fehlte dann aber die Habil, evtl. auch ein Bezahlungnachteil (weiß nicht so genau).
Richtig gute Optionen kommen da nicht so oft vor. Es stellt sich also die Frage, ob man, koste es was es wolle, die Habil abwartet und hofft, ähnlich gute Optionen kommen noch, oder ob man die vermeitlich gute Gelegenheit am Schopfe packt, ohne genau zu wissen, ob es dann auch wirklich so gut ist, und ob die fehlende Habil schwer wiegt (ich habe bzgl. des Titels ein gespaltenens Verhältnis: persönlich halte ich das für Unfug, aber da ich nicht schlechter sein will und in 2-3 Jahren auch so weit wäre....?) Danke für Ihre Erfahrungen!

Die Antworten der Coachs:

Reinhard Fukerider: Sie schildern in Ihrer Anfrage eine Entscheidungssitutuation, in der Sie die Weichen für Ihre Zukunft stellen werden. Sie könnten in dieser Situation ganz einfach anfangen und sich die Pro´s und Con´s der jeweiligen Option aufschreiben, gewichten und dann entscheiden. Sie könnten sich auch fragen, wo will ich in fünf oder 10 oder 15 Jahren stehen, sich dieses Zukunftsbild in Gedanken ausmalen oder sich auf einem Blatt Papier skizzieren, um davon ausgehend Entscheidungshilfen für die anstehende Frage zu entwickeln bzw. sich Ideen für die Umsetzung der Zukunftsprojektion zu erarbeiten.

Da Sie als Mediziner(in) mit Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod quasi beruflich befasst sind, kam mir die Idee, Ihnen anzubieten, etwas radikaler und existenzieller nachzudenken, um darüber Entscheidungshilfen zu bekommen. Ich meine das so:
Das Bedenken der eigenen Sterblichkeit relativiert manches und öffnet den Blick für die wesentlichen Dinge im Leben. Es regt an, sich Gedanken zu machen über den Sinn seines Lebens und darüber, was für einen selbst Glück und Zufriedenheit im Leben ausmachen. Gönnen Sie sich doch mal ein wenig störungsfreie Zeit (ca. 20 Minuten) und stellen Sie sich der Frage:
Was würde ich tun, wenn ich nur noch vier Wochen (eine Woche/ einen Tag) zu leben hätte?
Schmücken Sie Ihre Vorstellung genau aus! Schauen Sie genau hin! Lassen Sie sich Zeit und listen Sie alle Ihre Einfälle unzensiert auf!
(Oder fragen Sie sich vielleicht noch etwas radikaler, was später mal auf Ihrem Grabstein stehen soll: Prof. Dr. XY oder einfach Dr. XY?)

Legen Sie Ihre Einfälle und Ihren Entscheidungskonflikt nebeneinander, vergleichen Sie und ziehen Sie Ihre Schlüsse daraus. Achten Sie bei der Entscheidungsfindung insbesondere darauf, Verstand und Herz/Gefühl in Einklang zu bringen. Holen Sie sich am besten auch das Feedback vom Lebenspartner (falls vorhanden), guten Freunden und/oder externen Beratern ein. Im Hochschulmilieu kenne ich mich zuwenig aus und kann auch keine persönlichen Erfahrungen berichten. Vielleicht hilft Ihnen aber meine Anregung ein Stückchen weiter, die für Sie richtige Entscheidung zu finden. Alles Gute dabei!


Marion Mirswa: Solche Fragen tauchen in meiner Wahrnehmung in letzter Zeit öfter auf. Vielen Dank deshalb für Ihre Anfrage, die sicher auch andere interessiert. Ich will versuchen, zu verkürzen und somit etwas zuzuspitzen.
In Ihrer Entscheidung geht es also um Hochschullaufbahn mit Habilitation oder Industrielaufbahn ohne Titel? Mir ist nicht ganz klar, wie lange Sie bereits an der Uni sind - doch ich nehme an, schon einige Zeit, denn Sie haben bereits einiges publiziert. Sie schreiben, Sie wären in zwei bis drei Jahren so weit. Zu was? Um mit der Habilitation zu beginnen oder um sie abzuschließen? Was stand bisher im Vordergrund? Haben Sie auf die Habilitation hingearbeitet oder war Sie Ihnen bisher nicht wichtig genug? Oder haben Sie die Zeit verzögert, um diese Entscheidung - Uni/Industrie/Praxis - aufzuschieben - sich sozusagen bisher gedrückt?

Hier einige Begrifflichkeiten, die Sie zur Uni verwenden: "Unis dienen... als Durchlauferhitzer für Absolventen, die dann ... in Endpositionen getrieben werden, die sie initial gar nicht wollten." Wer treibt Sie? Und wer zwingt Sie? Ist es nicht überall so, dass bestimmte Optionen bestimmte Rahmenbedingungen fordern und bestimmte Entwicklungsmöglichkeiten bieten? "...fürchte ich am Ende etwas nicht zu besitzen ... (weil alle mit denen ich mich vergleiche, das gemacht haben.)" Am Ende schreiben Sie sinngemäß etwas Ähnliches: "... persönlich halte ich das für Unfug, aber da ich nicht schlechter sein will ..."

Und nun zu Ihren Beschreibungen zur Industrie: "... interessante Option ..., ... über Industrie habe ich schon oft nachgedacht ... aber es gab keine Möglichkeit zu testen. ... es zählt weniger der persönliche Erfolg als das Team ...", ... der Hauptabnehmer für Absolventen ...", ... aber meist sind die Leute am Ende nur getrieben ..." Auch hier taucht wieder "getrieben fühlen" auf.

Ist die Bezahlung wirklich ein ausreichendes Argument oder dient sie nur, um sich vor einer Entscheidung zu drücken? "... im angloamerikanischen Raum völlig unbedeutend ..." Was ist mit Ausland? Wäre das eine Option für Sie?
Was wollen Sie denn wirklich? Blockieren Sie sich vielleicht selbst, in dem Sie Zielen hinterherlaufen, die nicht Ihre sind und sich dann als Getriebener zu fühlen?
Schwingt da Versagensangst mit und was sind Ihre Ansprüche?

Es gibt keine Entscheidung ohne Risiko. Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung - nämlich die Entscheidung anderen zu überlassen - und dann fühlt man sich leicht als Getriebener. Ich wünsche Ihnen eine gute Entscheidung. Vielleicht nehmen Sie sich eine/n Coach und erarbeiten Ihre Entscheidung - beispielsweise mit dem "Entscheidungsstuhl". PS.: Es gibt auch Menschen, die später habilitieren.


Johannes Thönneßen: Mit Erfahrungen zum Thema Habilitation kann ich leider nicht dienen, auch kenne ich den wissenschaftlichen Betrieb nicht genug, um dazu etwas inhaltlich sagen zu können. Aber ein paar Dinge sprangen mir beim Lesen ins Auge.
  • Ihre Argumente sind lauter "Gegenargumente". Sie haben viele Dinge gesammelt, die GEGEN den Verbleib in der Wissenschaft sprechen und ebenso Dinge, die GEGEN den Wechsel in die Industrie sprechen. So etwas führt dazu, dass Sie, egal was Sie entscheiden, ja nur das kleinere Übel wählen können, das mit den weniger gravierenden Mängeln. D.h. heißt, sie werden sich auf keinen Fall gut fühlen - kein guter Start in diese Phase des Berufslebens.
    Empfehlung wäre also, mal zu schauen, was denn FÜR das eine oder das andere spricht.
  • Sie schreiben, dass Sie keine Möglichkeit haben, die Industrie zu testen. Wieso denn nicht? Sprechen Sie mit Leuten, die dort arbeiten, fragen Sie sie nach ihren Erfahrungen. Auch wenn das nur "Stellvertreter-Erfahrungen" sind, besser als gar keine Informationen.
  • Sie orientieren sich extrem an dem, was "man" macht, was üblich ist, was das "System" vorgibt. Sie suchen darin eine Orientierung, eine Sicherheit. Am liebsten wäre Ihnen, wenn jemand Ihnen garantiert, dass es ganz toll ist in der Industrie und Ihnen die Entscheidung damit abgenommen wird.
    Und Sie möchten sich alle Türen offen zu halten: Die Habilitation, mit der Sie sowohl in der Wissenschaft weiterkommen (obwohl Sie das System schlecht finden) als auch möglicherweise in der Industrie mehr Geld verdienen (was Sie nicht wissen). Und am liebsten hätten Sie, dass man Ihnen die Stelle offenhält, bis Sie die Habilitation in der Tasche haben - oder dass Ihnen jemand garantiert, dass auch dann noch tolle Stellen zur Verfügung stehen.
Diese Garantien gibt Ihnen aber niemand. Nun können Sie sich hinsetzen, alle Pros und Cons für die jeweilige Option aufschreiben, Informationen sammeln, Leute befragen, Meinungen einholen... was auf keinen Fall verkehrt ist, weil man, um eine fundierte Entscheidung zu treffen, Informationen braucht.
Mein Tipp allerdings wäre: Setzen Sie sich mal in aller Ruhe hin und horchen Sie in sich hinein. Vergessen Sie mal alle Argumente, alles, was angeblich so wichtig und unbedingt nötig ist und lassen Sie Ihren Bauch sprechen. Was rät er Ihnen - jenseits aller Ratio? Vielleicht weiß er schon viel mehr als Sie selbst.
Wenn Sie eine Erfahrung suchen, das wäre eine: Wenn ich gar nicht wusste, wie ich mich entscheiden sollte, habe ich auf meinen Bauch gehört - und dann war die Sache eigentlich ganz einfach. Viel Erfolg dabei.


Wir freuen uns über weitere Anmerkungen zu der Anfrage und/oder den Antworten der Coachs.
 

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